Das Internet macht's möglich - den Besitz eines eigenen Geistes. Als sein Privatsekretär ihm das Angebot zeigt, zögert der alternde Rockstar Jude Coyne keinen Augenblick. Er hat keine Ahnung, dass er mit diesem Kauf eine Kraft in sein Leben lässt, die die Macht hat, ihm alles zu nehmen, was er sich aufgebaut hat.
Jude Coyne ist zufrieden mit seinem Leben – die verhasste Kindheit hat er lange hinter sich gelassen, inzwischen kann er die Früchte seiner skandalträchtigen Karriere genießen, indem er sich mit Frauen umgibt, die in der Regel dreißig Jahre jünger sind als er, und sich nicht wehren, wenn er sie wieder in die Wüste schickt. Auch seine derzeitige Gespielin, die Rotzgöre Marybeth, die Jude nur Georgia nennt, macht da keine Ausnahme. Als er über das Internet einen Geist kauft – kein Scherz, wie die verzweifelte Verkäuferin, die ihren toten Stiefvater endlich loswerden möchte, versichert – zuckt sie nur die tätowierten Schultern.
Doch was Jude und Georgia für einen Scherz halten, entpuppt sich bald als bittere Wahrheit. Der Geist ist real, und er ist Jude alles andere als gewogen. Bald findet der Star die Wahrheit heraus: Der rachsüchtige Tote ist auch der Stiefvater von Judes letzter Geliebter, der psychisch gestörten Floria, die sich kurz nach der Trennung die Pulsadern aufschnitt. Das jedenfalls ist es, was die Welt glaubt, doch Jude und Marybeth kommen bald einem düstereren Geheimnis auf die Spur.
Anzeige Zugegeben, die Idee von dem über das Internet ersteigerten Toten ist originell! Doch ob die Zukunft des Horrorromans wirklich den Namen Joe Hill trägt, muss sich einer intensiveren Prüfung unterziehen. Blind ist ein Horrorroman, der sich an einer gewissen Vielschichtigkeit versucht. Während der Autor einerseits von gängigen Schauerbeschreibungen, Splatter und Blut reichlich Gebrauch macht, so versucht sich andererseits auch an dem Einflechten einer Liebesgeschichte zwischen den ungleichen Hauptfiguren Jude und Marybeth, die sogar einen Reifeprozess durchmachen dürfen.
Auch das langsame Aufdecken der Wahrheit, die sich beinahe wie in einem guten Kriminalroman vollzieht, macht Lust auf mehr. Neben diesen Ambitionen, ein komplexes Buch zu schreiben, stehen andererseits Elemente, die zwar sympathisch, aber doch eben auch sehr konventionell sind. Ein gutes Beispiel ist Georgias Südstaatengroßmutter Bammy, die all das verkörpert, was der Leser von einer guten Südstaatengroßmutter erwartet.
Die größte Stärke des Romans ist aber die Tatsache, dass die zwiespältigen, zerrissenen Figuren dem Leser irgendwann ans Herz wachsen. Während sie von Toten mit Kritzelaugen verfolgt und von Hunden mit verdrehten Schatten beschützt werden, stehen immer wieder ihre Gefühle und Gedanken im Mittelpunkt, und wenn es am Ende sogar ganz genreuntypisch kitschig wird, dann gönnt man es den beiden von ganzem Herzen. Doch bis dahin warten noch viele Liter Blut und einige Überraschungen auf den Leser, der mit Blind vielleicht nicht die Offenbarung des Genres, aber ganz sicher einen unterhaltsamen Spannungsroman in Händen hält.
Fazit: Sympathisch-kaputte Protagonisten zwischen Horror und Kitsch - das macht Laune!
Joe Hill Blind (Originaltitel: Heart-Shaped Box)
Übersetzt von Wolfgang Müller
Heyne, Februar 2007
432 Seiten, gebunden, 19,95
ISBN-10: 3453265467
ISBN-13: 9783453265462