"Kirillow" ist ein Spiegel der engagierten Jugend. Nicht der Jugend auf der Suche nach Wirtschaftswachstum, Public Relations und Wertefamilien, sondern der Jugend, die sich an Gleise vor vorbeifahrenden Castoren kettet; der Jugend, die in Clubnächten und Alkoholexzessen die wirklich wichtigen Fragen nach Sinn und Unsinn einer Gesellschaft und so eines Lebens fragt, und dafür keine Antworten und keinen Halt findet.
Julian, der Sohn eines Politikers, fragt sich auf seine Weise die banalsten, aber wichtigsten Fragen: Wohin steuert die Gesellschaft? Was ist der Sinn des Lebens? Bin ich echt oder will ich echt sein? Besonders die Furcht bedeutungslos und ideenlos zu sein, macht ihn exzentrisch. Sie gehen ins Cafe "Ausweg" und diskutieren nächtelang diese Fragen. Sie scheinen angesichts der Fragefülle zu explodieren, immer wieder kommt es zu scharfsinnigen Dialogen, Ausflüchten und Resignation. Gedanken eines Russen reifen zur Ideologie.
Die schon an Dostojewski heranreichende psychologische Dichte, die mal anders als ähnliche Lektüre sei, wird nur noch durch tragische Eklats aufgestoßen. Als Julian zum Beispiel seine Freunde auf die politische Feier seines Vaters einlädt. Drüben, die Politiker und ihre Zöglinge, die bereits zu wissen glauben, was sie wollen, aber für Julian leblos bleiben. Hier, Julian und seine Freunde, die sich der Heuchlerei und Selbstzweckvermarktung, wie sie sagen, langweilen. An diesem für seinen Vater wichtigen Abend kommt es, als ein Geisteswissenschaftler an sie herantritt und versucht die Thematik zu erfassen, und unfähig ist, so der Vorwurf, aus seinem abstrakten Panoptikum herauszutreten, nach einem Streit zwischen Julian und diesem, zu einer exzentrischen Tat von Julians Freund Frank. Diese Tat zieht die Aufmerksamkeit der gesamten Gesellschaft auf sich und bringt Julians Vater in seiner politischen Laufbahn in Bedrängnis. Denn Frank muss sich vor Polizisten und Ärzten verantworten. Frank ist in "Kirillow" der andere Ich-Pol, ist Julians fünf Jahre älterer Freund, er ist anders als Julian und diesem doch verwandt. Er scheint etwas erlebt zu haben, das vieles überflüssig macht. Man hört wenig bis nichts von Frank und doch ist er präsent. So stellt man sich die Frage, ob Frank nach dieser Tat und dem Aufsehen nicht vorhabe sich umzubringen. Denn die gesamte Gesellschaft um Frank Kober scheint einem jähen Ende entgegen zu steuern.
Anzeige Was Andreas Maier hier in seinem dritten Roman also gelingt, ist die Dichte eines dostojewskischen Romans. Die mit Frank Kober beginnende Handlung, das Gespräch der Mietbewohner des Hauses über Frank, über diesen sonderbaren und schweigsamen Hausmieter, zeichnet bereits auf den ersten Seiten den Raum, im welchen wir uns durch den Roman bewegen. Frank ist der heimliche Kern der Schilderung. Und so schließt der Roman mit den anderen Hausmietern, die ja alle alles schon vorher gewusst haben, wie Kober sei, was er mache und wie man ihn zu interpretieren habe. Es ist ein in sich geschlossener Roman. Eine geschlossene Handlung, klare, definite Aussagen. Gut geschrieben, ein reiches Repertoire an rhetorischen Mitteln und sprachlichen Werkzeugen. Die absatzlose Prosa, ein stetes Atemholen. Andreas Maier schoss sich mit "Kirillow" endgültig an die Spitze der deutschen Gegenwartsliteratur.
Maiers Bezug zu Dostojewski ist aber nicht nur des Titels unverkennbar. Kirillow ist der Held aus Dostojewskis "Die Dämonen", der für seine politischen Überzeugungen in den Tod geht. In Maiers Werk muss man sich aus diesem Grund zwangsläufig mit dieser politischen Frage auseinandersetzen, weil politische Fragen gestellt und aber nicht beantwortet werden. Hier trügt der Schein. Man wartet vergeblich, kennt man "Die Dämonen", auf der Gau; worin Maiers Verführung liegt, der eine so simple Interpretation vermeidet. "Kirillow" ist eben kein politisches Buch. Das sei gesagt, weil auch diesbezüglich viel gesagt wurde. Es geht um eine Gruppe Menschen auf der Suche nach Sinn und Unsinn. Sie berauschen sich, weil sie Angst haben. Die Politik ist nur Ventil. Es geht um ihre Entwicklung, um die inneren Monologe, um Verzweiflung und die Unterschiede untereinander. Ein Castortransport, für viele den Inbegriff des jugendlichen Widerstands heute, fünfzehntausend Polizisten, charakterisiert sich als lächerliches und doch bedeutendes Infernale der Moderne. Die eindeutige Hinwendung zum persönlichen Diskurs macht aus dem Werk eben, wie man jetzt vermuten könnte, kein politisches Werk mit Fahnenrufen und Ideologien, oder eine weitere so populär gewordene lebenssinnvernichtende Maßnahme, sondern einen ehrlichen und psychologischen Genuss. Anders als die meisten popliterarischen Politikanfeindungen und Lebenssinngegner, bemächtigt sich Maier nämlich einer guter und charakteristischen Sprache, seines literarischen Talents, der Innenleben von einzelnen Menschen, manchmal Passanten, die aber auch nur eine äußere Sicht der anderen Gestalten geben. Er bemächtigt sich Kobers Gedanken und seiner ruhigen, klugen Erscheinung, und der Vorstellungswelt und Entwicklung eines nach Leben durstenden Julians.
Maiers ist nicht nur in "Kirillow", gelinde gesagt, einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein überraschendes Erscheinen mit "Klausen" (damals Anfang dreißig), seine kritische Arbeit gegen Thomas Bernhards Prosa. Sein zweiter Roman "Waldchestag". Alles hat ihn in der Literaturkritik zum Gegenstand gemacht. Mal wurde er als Bernhard-Nachahmer empfohlen. Dann entdeckte man seine Landschaftsliteratur, weil alle Romane in bestimmten Region spielen. Nach seiner Frankfurter Vorlesung "Ich", entdeckte man fürwieder seinen Bezug zu Dostojewski und so drängt sich der Verdacht auf, dass Maier ein Bernhard-Dostojewski-Autor sei. Mit solchen Schlüssen machen es sich die so genannten Kritiker, und besonders die schnellschüssigen und schlechten, natürlich leicht. Anscheinend tangiert Andreas Maier dieses nicht, er belächelte es vielmehr in "Ich".
Denn die Differenz von einem Kehlmann, einer Julia Zeh und einem Stanisic zu Andreas Maier ist, und bleibt vielleicht, Maiers eigenwillige Prosa, und – ganz wichtig – die authentische Schilderung und die sich zuspitzende Verzweiflung seiner Protagonisten. Dass er dazwischen Wichtiges und Wahres schafft, gewisse Zustände kritisiert, ohne einer Politikerei oder Soziologisierung zu verfallen, ist Maiers Talent, das sich, wie man an seinen beiden vorhergehenden Werken unschwer sehen kann, nicht nur sprachlich weiterentwickelt.