Der Mythos um den Heiligen Gral : Das verlorene Labyrinth
2005: Die in England lebende Alice Tanner erhält eine Nachricht aus Südfrankreich und erfährt, dass ihre Tante gestorben wäre. Sie will ihr ihren gesamten Nachlass vererben. Alice kennt diese Tante eigentlich gar nicht und ist überrascht, doch wie es der Zufall will, arbeitet ihre Freundin Shelagh als Archäologin zur gleichen Zeit im Süden Frankreichs bei einer Ausgrabung. Alice beschließt nach Frankreich zu reisen, um die Formalitäten wegen ihrer Tante zu klären und vorher ihre Freundin zu besuchen.
Shelagh, erfreut über das Wiedersehen mit Alice, lädt diese ein, ihr bei der Ausgrabung, die von Privatpersonen finanziert wird, als Freiwillige zu helfen. Zunächst verläuft die Arbeit recht unspektakulär, doch an ihrem letzten Tag sieht Alice plötzlich etwas unter einem Felsen blinken. Ihre Kollegen sind längst zur Pause, aber Alice will weiter graben, hofft auf einen sensationellen Fund an ihrem letzten Arbeitstag. Und tatsächlich findet sie etwas unter dem Felsen. Doch plötzlich kracht es laut und der Felsen löst sich vom Berg. Vom Schock noch wie gelähmt, entdeckt Alice eine Höhle dort, wo vorher der Felsbrocken war. Alice weiß, sie sollte ihren Kollegen Bescheid sagen, doch sie kann nicht. Irgendetwas zieht sie in den Gang, macht sie unfähig, klar zu denken.
In der Höhle, die einer Grabkammer ähnelt, entdeckt sie vor einen Altar zwei Skelette und ein großes seltsames Labyrinth an der Wand. Erinnerungen streifen sie, Bilder, Stimmen, Träume, die sie nicht zuordnen kann. Zwischen den Toten findet sie einen Steinring, der auf der Unterseite ebenfalls das Labyrinth trägt. Sie fühlt, dass er etwas mit ihr zu tun hat, doch sie weiß nicht was. Obwohl es Alice völlig sinnlos erscheint, schaltet der Ausgrabungsleiter, auf Grund der Skelette, die Polizei ein. Beim weiteren Durchsuchen der Kammer können sie den Ring, von dem Alice berichtet hat, allerdings nicht finden und beschuldigen sie, ihn gestohlen zu haben. Das merkwürdige Vorgehen der Polizei lässt Alice schließlich erahnen, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zu geht und so stürzt sie sich in Recherchen, um die Wahrheit über das Labyrinth herauszufinden.
1209: Alaïs ist die Tochter von Bertrand Pelletier, einem der Hüter über das Geheimnis des Heiligen Grals. Da er seine Stadt gegen einen Kreuzzug verteidigen muss, fällt es schließlich seiner Tochter zu, dafür zu sorgen, dass die drei heiligen Bücher, die das Geheimnis bewahren, in Sicherheit gebracht werden. Doch Alaïs ist nicht die Einzige, die sich um die Bücher sorgt. Auch ihre schreckliche Schwester Oriane, erfährt irgendwie von dem Geheimnis und versucht alles, um an die Bücher, die geheimnisvolle ägyptische Zeichen und das Labyrinth zeigen, zu kommen. Genau wie Alice 800 Jahre später führt es Alaïs schließlich zu der Höhle in Südfrankreich, in der das Schicksal sein Ende nimmt.
Anzeige Alaïs und Alice zeichnen sich beide durch ihren ungeheuren Mut, ihren Ehrgeiz und Kampfgeist aus. Und genauso wie Alaïs 800 Jahre zuvor, kämpft nun Alice darum, das Geheimnis des Heiligen Grals zu bewahren, damit es nicht in falsche Hände gelangt. Doch viel zu viele Menschen ahnen bereits das Geheimnis, so dass Alice und ihre Freunde mit Lügen, Intrigen und Gewalt konfrontiert werden. Der Autor wechselt oft die Perspektiven zwischen den Personen, wodurch der Leser durch geschickte Andeutungen und Hinweise schon lange vor dem arglosen Protagonisten ahnt, dass dieser gleich in sein Unglück rennen wird. Der Perspektivenwechsel ist dabei, genau wie der Sprung vom Jahr 2005 ins Jahr 1209, perfekt gelungen. Ohne Mühe kann man der dramatischen Geschichte folgen, deren abwechslungsreiches Erzähltempo sowohl Spannung als auch Entspannung erzeugt. Dabei erhält der Leser viele historische Sachinformationen und erfährt Interessantes über die Geschichte des 13. Jahrhunderts, über Religion, Toleranz, Krieg und Inquisition. Mancher Mord, Überfall und manche Gefangennahme wird aber so brutal beschrieben, dass es ganz schön unter die Haut gehen kann.
Durch Einstreuung französischer und okzitanischer Wörter wirkt der Roman noch authentischer und altertümlicher. Detailreiche Beschreibungen der Umgebung lassen eindrucksvolle Bilder vor dem geistigen Auge entstehen, so dass der Leser in die Welt des 13. Jahrhunderts eintaucht und alles andere um sich herum vergisst.
Insgesamt ist das Buch unglaublich packend geschrieben, wunderbar zu lesen und somit ein sehr gelungener historischer Roman.
Kate Mosse Das verlorene Labyrinth Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann Droemer Verlag, München 752 Seiten, gebunden, 22,90 Euro ISBN3-426-19660-3