Laut Wikipedia ist Darmstadt eine der wenigen größeren deutschen Städte, die nicht an einem Fluss liegen – lediglich ein Rinnsal namens Darmbach durchfließt, zumeist unterirdisch, die Stadt; es ist am Ostrand der Stadt zum Großen Woog, einem Badesee, aufgestaut. In jenem Badesee finden Sporttaucher bei einer Übung eine Leiche. Kommissar Rünz organisiert die Bergung der Leiche ohne große Beeinträchtigungen für den Badebetrieb, aber hinsichtlich ihrer Identität existiert keine heiße Spur.
Doch es gibt schließlich die moderne Gerichtsmedizin: einige ungewöhnliche Zahnfüllungen und ein geheimnisvolles Medaillon, das der Tote um den Hals trägt – geprägt, wie sich herausstellt, aus einer neuseeländischen Münze – streuen zwar Anhaltspunkte, doch das Gesamtbild bleibt im Dunkeln. Dass die Leiche mit einem Betonblock beschwert wurde, deutet zwar auf ein Verbrechen hin – eine heiße Spur aber sieht anders aus.
So gräbt sich Kommissar Rünz durch die magere Faktenlage und durchkämmt Archive auf der Suche nach einem Anhaltspunkt. Nebenbei macht ihm sein Vorgesetzter Hoven, der neuartige Managementmethoden bei der Polizei einführen will, das Leben schwer. Außerdem würde Rünz gern Presse, Radio und Fernsehen abwimmeln, während Hoven sich dagegen nur allzu gern in der medialen Aufmerksamkeit sonnt, und dann sind da noch seine zerrüttete Ehe und seine krankhafte Angst vor dem Würgereiz – hätte Rünz nicht seine über alles geliebte Dienstwaffe, hätte er seinem Leben sicherlich längst ein Ende gesetzt.
Eine findige Designerin, deren verstorbener Vater ein begeisterter Sammler von Militärkunst und -objekten aus dem zweiten Weltkrieg war, bringt die Ermittler schließlich auf die richtige Spur: der Tote hat offenbar eine Verbindung zu einer Mosquito-Fliegerstaffel, die die Angriffe zur Bombardierung Darmstadts im zweiten Weltkrieg geflogen ist. Zusammen mit dem Air-Force-Experten Cooper, der zum Ermittlungsteam hinzugezogen wird, gelingt es Rünz und seinen Kollegen schließlich, das über 50 Jahre zurückliegende Verbrechen aufzuklären.
Anzeige Lokalkrimis, die an verschiedenen Orten in Deutschland spielen, gibt es viele. Oft haben sie über den Wiedererkennungseffekt von Plätzen und lokalen Eigenheiten hinaus wenig Qualität. Gudes Roman „Mosquito“ fällt da aus dem Rahmen. Der Autor mixt geschichtliche Hintergründe mit modernen Krimielementen zu einem geschickt komponierten und aufwändig recherchierten, aber jederzeit stimmigen Gesamtwerk.
Gudes größte Stärke jedoch sind seine Figuren. Am meisten ragt dabei natürlich der alternde Kommissar Karl Rünz heraus – gegen den ist Mankells Wallander ein Sonnenschein von einem Gemüt. Abgehängt von technischen und organisatorischen Entwicklungen, denen seine jüngeren Kollegen scheinbar mühelos folgen können, quält sich der Ermittler durch seinen beruflichen und privaten Alltag. Der einzige Lichtblick sind die Sitzungen bei seiner „Therapeutin“, an die ihn ausgerechnet seine Frau mit schöner Regelmäßigkeit erinnert – denn unter diesem Denkmantel verbirgt sich eine Prostituierte namens Yvonne, bei der er als Stammfreier ein- und ausgeht. Aber auch Rünz’ Gegenspieler – der junge, dynamische und vom Management-Sprech infizierte Hoven ist eine durchaus gelungene Figur.
Dass das Glossar nahezu überflüssig gewesen wäre und das Lektorat die Zeichensetzungsfehler etwas sorgsamer hätte ausmerzen können – geschenkt. Diese kleinen Mängel verblassen vor dem überzeugenden Plot, der sorgsamen Recherche, dem Spannungsbogen und natürlich den großartig gezeichneten Charakteren – an „Mosquito“ gibt es kaum etwas auszusetzen.