Ihr Interesse an Leichen schockiert sogar die Londoner Kutscher, und in einem feinen Haushalt ist das Benehmen der Landpomeranze Lizzie erst recht unangebracht. Dafür hat sie eine hervorragende Spürnase, die ihr hilft, auch das kniffligste Verbrechen aufzuklären.
Nach dem Tod ihres Vaters steht Lizzie Martin mittellos und allein in der Welt da. Ihre Rettung ist ein Angebot der Witwe ihres Patenonkels, die eine Gesellschafterin braucht. Ohne eine Ahnung, was sie in der großen Stadt erwarten wird, bricht die junge Frau nach London auf. Obwohl ihr neues Heim nicht von dem Freigeist erfüllt ist, den sie gewohnt ist, tut Lizzie ihr Möglichstes, ihre neue Aufgabe auszufüllen. Erste Zweifel kommen ihr erst, als sie herausfindet, dass ihre Vorgängerin verschwunden ist.
Das Rätsel verdichtet sich, als in einem Abbruchhaus eine Frauenleiche gefunden wird, die sich als die verschollene Miss Hexham entpuppt. Und noch eine Überraschung hält London für sie bereit: Der ermittelnde Inspektor Benjamin Ross ist ein alter Bekannter aus Kindertagen. Gemeinsam ermitteln die beiden in einer bigotten, von Standesdünkel geprägten Gesellschaft, in der das Leben einer Gesellschafterin wenig zählt.
Anzeige Mit Wer sich in Gefahr begibt beginnt die englische Erfolgsautorin Ann Granger eine neue Krimiserie, die im viktorianischen London angesiedelt ist. In abwechselnder Ich-Perspektive von Lizzie und Ben entfaltet sich ein klassischer Kriminalfall um eine ermordete Gesellschafterin, eine überschaubare Anzahl von Verdächtigen und ein sympathisches Ermittlerpärchen.
Wenn der Leser mit den beiden trotzdem nicht so recht warm wird, dann mag das daran liegen, dass sie zu sympathisch inmitten einer kleinlichen, bigotten Gesellschaft sind, deren Mängel die Protagonisten natürlich nicht teilen. Die Hausherrin, der Pfarrer, der reiche Neffe, sie alle sind oberflächliche Kleingeister, die Lizzies moralischem Urteil nicht standhalten können. Leider erfolgen ihre Beobachtungen und Wertungen so prüde und ohne jeglichen Sinn für Humor, dass gewisse Ermüdungserscheinungen nicht ausbleiben.
Da Vergleiche mit Ann Perrys Romanen nicht ausbleiben können, kann man festhalten, dass beide die Mängel der beschriebenen Gesellschaft erkennen und dem Leser vor Augen führen, doch während Perry eine im Kern anständige Gesellschaft beschreibt, sind Grangers Helden leuchtende Ausnahmen inmitten von Engstirnigkeit. Leider kommt es so schnell zu der Schilderung von Klischees, die eher stören als fesseln.
Auch die Interaktion der Protagonisten enthält eine enttäuschende Konventionalität. Sie treffen sich, erkennen die gemeinsamen Interessen und Denkweisen und es ist schon jetzt klar, dass im nächsten – spätestens übernächsten Band – die Romanze beginnen wird. Zusammen mit einem Fall, der zwar nett ausgetüftelt, doch in keiner Weise herausragend komponiert ist, haben Lizzie und Ben noch einige Arbeit vor sich, die Reihe aus dem Durchschnitt zu befreien.
Fazit: Leicht moralinsaurer Start einer viktorianischen Krimireihe
Ann Granger Wer sich in Gefahr begibt Ein Fall für Lizzie Martin und Benjamin Ross
(Originaltitel: A Rare Interest in Corpses)
Übersetzt von Axel Merz
Gustav Lübbe Verlag
März 2007
gebunden, 250 Seiten, EUR 18,00
ISBN 978 3 7857 2275 6
ISBN-10 3785722753