Beppe Severgnini, geboren 1956, wurde 2004 zum "europäischen Journalisten des Jahres" gekürt. Neben seiner Tätigkeit als Kolumnist für die renommierte Tageszeitung Corriere della Sera findet der gebürtige Lombarde noch immer Zeit, Bücher zu schreiben und diese, kaum sind sie erschienen, auf Lesereisen im In- und Ausland vorzustellen. Von ihm und seinem jüngsten Buch kann man etwas lernen über "Überleben in Italien, ohne verheiratet, verhaftet oder verheiratet zu werden".
Erlebt man Beppe Severgnini live bei einer seiner Lesungen, wird man in erster Linie feststellen, dass er über eine gehörige Portion Humor verfügt und sein Publikum zu verzaubern versteht.
1979 kam Severgnini erstmals zu Besuch nach Berlin, in den Teil, der damals noch Hauptstadt der DDR hieß, er glaubte sich auf dem Mond und war so beeindruckt von der Geschichte der geteilten Stadt, dass er damals den Beschluss fasste, Journalist zu werden. Inzwischen tituliert er Berlin als die gastfreundlichste Stadt Europas - was er über London wohl auch behaupten wird - und er ist sich sicher, sollte er einmal aus Italien ausgewiesen werden, was man bei kritischen Journalisten ja nie wissen kann, wird Berlin seine Wahlheimat werden.
Verbrechen am Kaffee
Auch in Deutschland, davon konnte er sich überzeugen, versteht man inzwischen etwas von der italienischen Küche, man redet über das Essen und kann aus einem dampfenden Teller Pasta fast ebenso viel Trost erfahren wie die Italiener. Allerdings - der Autor legt seine Stirn in grimmige Falten - müssen die Deutschen noch begreifen, dass es als unmoralischer Akt gilt, der die empfindsame Seele der Italiener aufs Tiefste beleidigt, wenn man es wagt, einen Capuccino nach zehn Uhr morgens zu bestellen. Severgnini bekommt davon noch immer sehr heftiges Magengrimmen. Verschonen wir ihn also künftig mit dieser Unsitte.
Wenn Severgnini nicht vom Essen schwärmt, oder das stabilisierende Element von gemeinsamen Mittag- und Abendessen im Schoß der Familie preist, wenn er nicht über den Fußball fachsimpelt, oder die wunderbare Erfindung der italienischen Vespa preist, dann kann Severgnini durchaus auch ernst werden und vor den Gefahren in seinem Land warnen. Eine ist beispielsweise jene, dass die Touristen jeweils glauben, am Zebrastreifen würde angehalten und deshalb zuversichtlich die Straße überqueren. Er hat die Unfälle nicht gezählt, aber man glaubt ihm auch ohne statistisches Beweismaterial, dass solche Unternehmungen tödlich ausgehen können. Auch rote Ampeln sind ja auf dem Stiefel keine Garantie dafür, dass Autos anhalten, sondern werden je nach Situation lediglich als buntes Farbenspiel mit Empfehlungscharakter wahrgenommen.
Latin Lover Redux
Sorge bereitet dem knapp 50jährigen Familienvater eine gewisse Deformation, die er in seiner Generation beobachtet - irritiert stellt er fest, dass rund 50 Prozent seiner Altersgenossen Gourmet, 30 Prozent Gärtner und 20 Prozent passionierte Radfahrer geworden sind, das zeigt ihm, dass die italienische Libido seltsame Wege geht und der latin lover offensichtlich nur noch ein Mythos aus grauer Vorzeit ist, bekennt Severgnini.
Immerhin verfügen die Italiener über das wunderbare Talent, sich mit den Gegebenheiten gut zu arrangieren und jede Krise in ein Fest zu verwandeln. Diese Gabe haben sie auch durchaus nötig, denn Severgnini, schlagfertig und mit viel Wortwitz gesegnet, sieht vor allem auch die Schwächen in seinem Land, die Fehler, die bislang noch keiner abzustellen vermochte. Er sieht den großen Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Geschwätz und ernsthaftem Handeln, zwischen guten Vorsätzen und unzähligen täglichen kleinen und großen Sünden. Und voller Stolz und Verbundenheit mit diesem merkwürdigen, liebenswürdigen, vielfältigen und schwierigen Land meint er: "Im Grund wissen wir, dass unsere Tugenden unnachahmbar sind, während unsere Fehler abstellbar wären. Man müsste es nur wollen. Den Kopf dazu haben wir jedenfalls."