Über Italien, unsere Allerweltsarkadien, wissen alle nahezu alles, sei es vom Strandurlaub in Rimini oder vom Italiener nebenan. Der kleine Rest, der noch nicht über dieses merkwürdig langgestreckte Land in Stiefelform bekannt ist, den man nicht zu sagen wagt, weil er nach Klischee oder Vorurteil riecht, kurzum, alles das, was mit Chaos, Lärm und der hohen Kunst des Sich Arrangierens zu tun hat, das lässt sich bei Beppe Severgnini nachlesen.
Der Journalist publiziert im Corriere della sera eine vielzitierte Kolumne, in der er sich mit Ansichten der im Ausland lebenden Italiener beschäftigt und er hat mehrere Bücher veröffentlicht. In Hinblick auf die Eigenarten seiner Landsleute nimmt er kein Blatt vor den Mund, ist dabei jedoch nicht davor gefeit, gängige Klischees mit oberflächlichem Wortgeklingel aneinander zu reihen.
In seinem Buch über Überleben in Italien, ohne verheiratet, überfahren oder verhaftet zu werden, führt der Autor zehn Tage durch sein Land, um Touristen mit der Nase auf dessen Eigenheiten zu stoßen. Der Abenteuerurlaub beginnt am Flughafen Malpensa, den er als eine Art Zoo mit Klimaanlage beschreibt, "in dem die Geschöpfe nicht beißen und Gift nur in der einen oder anderen spitzen Bemerkung verspritzen". Keine Frage, hier ist ein Sprachjongleur am Werk, doch oft vergisst er vor lauter bildhaften Formulierungen nach den Ursachen für seine Beobachtungen zu forschen. Severgnini spricht zum Beispiel vom Unbehagen, das Italiener empfinden, wenn sie sich Uniformierten gegenübersehen "ganz gleich, ob ein Pilot auf Zwischenlandung darin steckt, oder ein Mann vom Reinigungsdienst". Worin dieses Unbehagen begründet liegt, wird nicht erwähnt.
Anzeige Nach dem Verlassen des Flughafengebäudes beginnt für die Reisenden die erste Bekanntschaft mit dem italienischen Straßenverkehr. "Psychologische Studien vor der Ampel", nennt der Autor diese Bemerkungen, doch seine witzig formulierten Beobachtungen haben nicht das Zeug zu wirklichen Studien. Es sind angenehme Momentaufnahmen, bunte Puzzelteile aus Bekanntem mit kleinen Ecken und Kanten. Ob beim Restaurantbesuch, im Modegeschäft oder im Nachtlokal, stets versucht der Autor, ein ungewöhnliches und damit für andere befremdliches Verhalten seiner Landsleute darzustellen. Dabei zeigt er nicht böse oder schadenfroh mit dem Finger auf andere, er geht liebenswert mit den Eigenarten seiner Mitmenschen um. Er skizziert Facetten eines italienischen Nationalcharakters, der oft unter Zynismus und Härte verborgen ist, aber doch existiert und das voller Anmut, ist er überzeugt.
Ob es um die Liebe zum Auto und den blinkenden Armaturenbrettern geht, um die Freude am üppigen Essen und die ausgeprägten Feinschmeckerqualitäten, Severgnini beobachtet augenzwinkernd und ohne weh zu tun, deshalb ohne wirklichen Tiefgang.
Er streift bei seiner Rundtour Mailand, die Toskana, Rom und Neapel, er macht einen Sprung nach Sardinien und steuert zum Schluss die Kleinstadt Crema als Rettungsring an. Crema, als ein Beispiel für die glücklichen Ecken die dieses merkwürdige Land tausendfach vorzuweisen hat. Bei dieser Tour d’horizont werden Themen wie Handys, die in Italien liebevoll telefonino heißen, Strandleben und die Promenade auf der Piazza, eine Fahrt im Zug und ein Besuch im Museum behandelt; alles zeigt sich wenig perfekt, anders als erwartet und für Fremde schwer zu begreifen.
Der Autor klagt über zu enge Gehwege, umreißt die Bedeutung der katholischen Kirche und leidet wortgewaltig unter den vielen Provisorien in seinem Land. Kopfschüttelnd malt er ein bunt gesprenkeltes Mosaik von den Bewohnern des Stiefels. Vieles wiederholt sich, manchmal ermüdet das Wortgeklingel, doch die Liebe zu seiner Heimat und eine gehörige Portion Selbstironie behalten die Oberhand. Um nach Italien zu reisen, ohne verheiratet, überfahren oder verhaftet zu werden, braucht es das Buch von Beppe Severgnini nicht.
Einige der von ihm erwähnten Autoren sind viel gründlicher in ihrer Analyse Italiens. Doch die leichtgewichtige Lektüre spiegelt auf mehr als 300 Seiten den unfertigen, fehlerhaften, chaotischen, aber ungemein charmanten Charakter des Landes und seiner Bewohner wider und man mag es und fährt immer wieder hin, gerade weil es so reich an Möglichkeiten und doch so wenig vollkommen ist.
Beppe Severgnini Überleben in Italien ...ohne verheiratet, überfahren oder verhaftet zu werden. Karl Blessing Verlag
März 2007
288 Seiten, gebunden, EUR 16,95
ISBN 3896673181
18.06.2007, 19:30 Uhr
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