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Maria, ihm schmeckt´s nicht! PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Julia Hisge, am 12-04-2007 11:00
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Jan Weiler - Maria, ihm schmeckt´s nichtWas passiert eigentlich, wenn man eine Halbitalienerin heiratet? Ist doch klar, das Hochzeitsgeschenk ist dann eine komplette italienische Sippe. Und die bleibt einem auch noch nach der Trauung erhalten. Autor Jan Weiler erzählt in Maria, ihm schmeckt´s nicht Episoden aus dem Leben in seiner italienischen Großfamilie. Besonders mit Schwiegervater Antonio Marcipane wird dabei jeder gemeinsame Tag zum Erlebnis.

Autor Jan Weiler kann aus dem Nähkästchen plaudern. Der Journalist hat nämlich selbst nicht nur seiner Frau, sondern auch einer ganzen italienischen Familie das Ja-Wort gegeben. Viele der Geschichten in seinem Buch sind wirklich passiert. Doch im Nachwort betont er, dass es sich insgesamt um Fiktion handelt, "denn wenn nur eine Kleinigkeit in meinen Schilderungen nicht der Wahrheit entspricht, dann hat alles automatisch als ausgedacht zu gelten".

"in culo al mondo" 

Mit viel Herz und Humor berichtet Weiler von den Besuchen bei der Verwandtschaft in Campobasso, "das »In culo al mondo« liegt, wie die Italiener sagen, und was genau das bedeutet, was Sie jetzt glauben." Er erzählt auch von den gemeinsamen Ferien in Süditalien, vom Autokauf und sogar vom Restaurantbesuch, denn auch das Alltägliche ist in der italienischen Familie nicht langweilig – schon gar nicht wenn es ums Essen geht.

"Maria, ihm schmeckt´s nicht" - der Titel des Buches stammt aus dem typischen Dialog bei Tisch. Es ist die Reaktion, die der verzweifelten Aussage "Nein danke. Ich bin satt." folgt. Überhaupt ist Nahrungsaufnahme ein zentrales Thema: "Was die Ernährung angeht, so ist es ein absolutes Wunder, dass dieses Land noch existiert, weil seine Bewohner eigentlich längst tot sein müssten. Sie ernähren sich nämlich fast ausschließlich von Kohlenhydraten. Man beginnt morgens mit einem kleinen cornetto zum Kaffee, also einem Croissant. (...) Zwischendurch verschlingen Italiener mehrmals am Tag einen tramezzino, ein Weißbrotsandwich mit Mayonnaise und allerlei billigen Zutaten. Mittags gibt es unbedingt Nudeln, manchmal Pizza, oft sogar beides. Abends dasselbe und immer weißes ziemlich trockenes Brot dazu. Das kann man nicht überleben und es gehört zu den absoluten Mysterien der Menschheit, dass dieses Volk bei solch einer Ernährung nicht schon längst mit einem lauten Knall geplatzt ist."

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Jan Weilers Beobachtungsgabe führt zu sensationellen Vergleichen: Pannetone schmecke wie Bauschaum mit Orangeat und der Zitronenlikör Limoncello rieche wie Klostein, heißt es da. Doch nicht nur kulinarische Betrachtungen erheitern den Leser, denn in so gut wie jedem Lebensbereich des deutsch-italienischen Universums findet sich etwas skurril Witziges. Das lachsfarben geflieste Badezimmer mit den goldenen Armaturen sehe aus wie das Wohnmobil von Siegfried und Roy und die auftoupierten schwarzen Haare eines Verwandten glänzen wie eine Nordseemöwe nach einer Ölpest. Jan Weiler schaut immer ganz genau hin und findet die treffendsten Worte. Dabei gelingt es ihm, stets mit einer Mischung aus Verwunderung und herzlicher Heiterkeit zu berichten; überheblich wirkt Weiler dabei nicht, denn dass er seine Familie liebt, kann man spüren.

Es gibt einfach Unterschiede zwischen deutscher und italienischer Lebensart, die dem Autor immer wieder Rätsel aufgeben. So liebt es der Italiener "nichts" zu tun, indem er in der Stadt bummeln geht. Rund um den Dorfplatz führt die Straße, corso, auf der man hin und her schlendert. Auch Schwiegervater Antonio liebt das Flanieren auf dem corso. Hier zeigt man, was man hat. Der Deutsche aber denkt, man könne seine Zeit sinnvoller verbringen. "Mal ein Buch lesen, zum Yoga gehen oder in einen Verein. Die Italiener, die ich kenne, machen sich nichts aus Vereinen. Brauchtumspflege ist ihnen ebenso wurscht wie das Erlernen fremder Sprachen oder die Mitarbeit in gemeinnützigen Organisationen. Sie schlendern lieber über den corso (...) Ich glaube, niemand würde verstehen, was man damit meint, wenn man sagt: »Du könntest dich ruhig mal nützlich machen.« Sobald man sich an den seltsamen Rhythmus des Nichtstuns und Nirgendwoseins gewöhnt hat, lässt es sich darin gut leben. Es klingt zwar nach großer Langeweile, doch es ist nicht langweilig, sondern meditativ, und das ist ein großer Unterschied."

Ein Fremder in allen Orten 

Vor allem Antonio Marcipane, der Vater der Braut, ist ein Unikat und generiert die kuriosesten und lustigsten Begebenheiten. Er ist ein Mann mit eigener Philosophie, der einen typisch italienischen Hang zu Übertreibungen hat, in allem das Schöne sieht und seinen neuen, angeheirateten Sohn innig liebt. Ihm ist es auch zu verdanken, dass Jan Weilers Geschichten keinesfalls nur belanglose Anekdoten bleiben. Denn wenn Antonio Marcipane in Kapitel Sechs beginnt, dem Schwiegersohn aus seinem Leben zu erzählen, dann geht es auch um ernste Themen: eine Kindheit in armen Verhältnissen, Fernweh in der Enge der italienischen Kleinstadt und schließlich in den 1960ern Antonios Reise nach Deutschland. Gnadenlos überqualifiziert ist er dort als Gastarbeiter in einer Fabrik und als Ausländer begegnet er den Hürden der Diskriminierung. Und auch in Italien ist Antonio nicht mehr richtig zu Hause. Ein Fremder in allen Orten also. Doch Antonio schlägt sich durch. Egal was passiert, er verzweifelt nicht, er lächelt und ist dankbar für die guten Seiten. Am Ende des Buches angekommen, wünscht man sich, Signor Marcipane zu seinen eigenen Freunden zu zählen. Von seinem Optimismus kann man schließlich viel lernen.

Fazit: Eine unbedingt empfehlenswerte Lektüre. Bei diesem Buch muss man von Herzen lachen. Neben all dem Spaß steht die bewegte Lebensgeschichte des charismatischen Antonio. Um es mit seinen Worten zu sagen: isse einfach tippeditoppe!

Bibliographische Angaben


Jan Weiler
Maria, ihm schmeckt´s nicht! Geschichten von meiner italienischen Sippe.
Ullstein
Juni 2006
272 Seiten, EUR 10,00
ISBN 3548264263





Letztes Update: 12-04-2007 12:25

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Jan Weiler, Maria ihm schmeckt´s nicht, ISBN 3548264263, Italien, Familie
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