Längst bringt uns das Fernsehen die Herren Detektive, Ermittler und Fahnder auf der Spur der Gerechtigkeit wie gute alte Bekannte ins Haus. Wir durchschauen sie, wissen um ihre Vorlieben und die familiären Verhältnisse, ob sie nun in Venedig arbeiten, oder im Hamburger Großstadtrevier. Commissario Montalbano aus Sizilien ist - anders als im italienischen Fernsehen - noch nicht bei uns vorstellig geworden, aber auch er ist für uns durch die Lektüre längst wie ein langjähriger Vertrauter.
Wir wissen, dass er das Meer liebt, eine Schwäche für köstliches Essen und immer den richtigen Riecher hat, sei es für ein außergewöhnliches Fischgericht, oder einen verschlagenen Verbrecher. Sein Einsatzgebiet ist Vigatà, ein Ort, den man bislang vergeblich auf der Landkarte Siziliens suchte, der jedoch Ähnlichkeit mit Porto Empedocle aufweist, wo Camilleri lebt und arbeitet.
Müssen wir mehr über Montalbano und seine Wege wissen? Müssen wir erfahren, wo er tatsächlich isst, einkauft, schwimmt, nach Verbrechern fahndet und seine Freundin besucht? Erhöht es die Spannung und unser Lesevergnügen, wenn wir wissen, dass eine im Roman genannte Trattoria unter ähnlichem Namen tatsächlich existiert?
Wir bewegen uns heute schon ganz selbstverständlich in virtuellen Welten, fabulieren uns Geschichten und Erlebnisräume zusammen, die kein Vorbild im Alltäglichen haben, doch wenn ein Autor eine Fantasiegestalt und einen Fantasieort vor unserem inneren Auge Realität werden lässt, wollen wir plötzlich unbedingt wissen, wo die Strasse verläuft, die er gefahren ist, wo sein Haus steht, wo er seinen Espresso schlürft.
Anzeige Diese Art von Entzauberung leistet ein Team von Autoren, das ein Reisehandbuch zu Sizilien vorgelegt hat, in dem wir dem erfundenen Staatsdiener Montalbano auf die Schliche kommen können, das heisst, die Orte besuchen, die zwar mit anderen Namen belegt sind, aber konkrete Vorbilder haben.
Die Autoren haben eine akribische Arbeit und die Liebe zu Camilleris Kriminalfällen zu einem Nachschlagewerk kombiniert, das mit Pedanterie gemacht ist und doch in die Irre führt. In ihrer Bewunderung für den vielschreibenden Camilleri und seine Figuren wollen uns die Autoren die Möglichkeit geben, die Schritte nochmals nachzuvollziehen, die der Commissario machte, um die diversen Verbrechen aufzuklären. Sie legen den Finger auf die Punkte, an denen Wirklichkeit und Romanhandlung kongruent sind und laden dazu ein, im Roman erfundene Kriminalfälle in der Realität nochmals nachzuvollziehen. Werden Camilleris Bücher dadurch besser oder spannender? Brauchen wir diese Art von Reiseführern, die uns entzaubern?
Liegt es nicht ohnehin auf der Hand, dass die Orte eines Romans konkrete Vorlagen haben? Das ist bei Filasto und seinen Toskana-Krimis nicht anders als bei Camilleri auf Sizilien, der selbst bekannt hat, dass er die Geschichten nicht aus dem Nichts erfinden kann, sondern einen Anschub durch die Wirklichkeit braucht.
Die Kriminalfälle Montalbanos sind seit 1999 auch im italienischen Fernsehen zu sehen und so darf in dem Buch auch das Kapitel nicht fehlen, das die Drehorte auflistet, die nicht mit den von Camilleri beschriebenen Orten identisch sind. Welch eine Entdeckung?! Trotz des Charmes der sizilianischen Lebensart wirkt das alles pedantisch und philisterhaft. Oder wurde dieses Buch mit den durchaus stimmungsvollen Bildern, einigen Landkarten aus Sizilien und einer Mischung aus Beschreibung und Zitaten auf fast 200 Seiten nur deshalb gemacht, weil sich Camilleri gut verkauft, ob als Autor, ob in Form von Kochbüchern, in denen sich Montalbanos Leib- und Magengerichte versammeln, und nun also auch noch als merkwürdiges Fährtenbuch. Das Rilke Gedicht kommt einem in den Sinn, wenn man als begeisterte Leserin von Camilleris Geschichten den entzaubernden Reiseführer durchblättert:
Ich fürcht mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle Dinge um.