Die Loreley, Gilgamesch und Odysseus – der alte Zauberer Merlin kennt sie alle, und zu jedem Vollmond ist er bereit, seinen wissbegierigen Zauberschülern eine der unsterblichen Geschichten zu erzählen. Ein bunter Sagenstrauß entsteht...
Die großen Sagen der Menschheit werden wahrscheinlich nie aussterben, aber wie bringt man sie Kindern näher, vor allem in einer Zeit der medialen Reizüberflutung? Das ist die Frage, vor der jeder Märchen- und Geschichtenerzähler steht, der ein junges Zielpublikum erreichen will. Andreas Brixler scheint bei seiner Zusammenstellung zwei Strategien zu verfolgen. Die eine besteht in Abwechslungsreichtum. Die Geschichten werden verhältnismäßig gestrafft dargebracht, in der Regel sind sie nicht länger als drei bis sieben Seiten, so dass sie auch von Leseanfängern selbst gelesen werden können. Zum anderen beschränkt Brixler sich nicht auf einen Kulturkreis oder eine Region sondern richtet sein Augenmerk zu gleichen Teilen auf deutsche, griechische oder russische Sagen.
Anzeige Der zweite Kunstgriff, dessen der Autor sich bedient, ist die Nutzung einer Rahmenhandlung. Nicht nur setzt er den sagenhaften Zauberlehrer Merlin als Erzähler ein, die kleinen, einzeln charakterisierten Trolle und Geister, die die Zuhörerschaft darstellen, dienen eindeutig als Identifikationsfiguren für die kindlichen Leser. Die Trolle müssen lernen, spielen gern Streiche und benehmen sich allen in allem wie ganz normale Schüler.
Abgerundet wird dieser kindgerechte Sagenband durch Illustrationen von Ludwig Lukasz, die leider fast durchweg aus schwarz-weißen Radierungen bestehen. Überhaupt wirken diese Zeichnungen erwachsener als man aufgrund der Geschichten erwarten möchte. Statt auf die kindliche Identifikation setzen sie eher auf eine Wiedergabe des Mystischen, die eine geheimnisvolle, leicht unheimliche Stimmung einfangen.
Insgesamt ist Brixlers Sammlung eine an die Altersgruppe angepasst Zusammenstellung, die sowohl zum Vor- als auch zum Selberlesen einlädt. Trotzdem muss man sagen, dassMerlin von Duernstein ein Sagenbuch unter vielen ist. Sprachlich hebt es sich nicht wirklich vom Durchschnitt ab, was hingegen für die Wahl gerade dieses Buches spricht, ist die Tatsache, dass es nicht nur die bekannten sondern auch unbekannte Geschichten sind, die hier zum Leben erweckt werden.