Die privilegierte Jugend des jungen Hannibal endet jäh, als der Krieg über das Schloss seiner Väter hinwegfegt. Zusammen mit seiner kleinen Schwester Mischa kann er dem Morden entgehen, doch der Junge weiß nicht, dass ihm das Schlimmste noch bevorsteht.
Hannibal, Sohn des Grafen Lecter, erlebt die Hölle, als er im Krieg seine Eltern und seine Heimat verliert. Er selber wird zusammen mit seiner jüngeren Schwester Mischa von marodierenden Soldaten entdeckt und verschleppt. Als der Hunger zu schlimm wird, landet das kranke kleine Mädchen auf dem Speiseplan der Soldateska. Hannibals Erinnerung setzt aus.
Nach einigen Irrwegen wird der traumatisierte Hannibal bei seinem Onkel und dessen japanischer Ehefrau aufgenommen. Langsam findet der Junge zurück in die Gesellschaft, doch etwas in ihm ist unwiederbringlich zerbrochen. Eines Tages stellt er sich seinen Alpträumen und nimmt die Spur der Mörder auf. Eiskalt verfolgt er seine Pläne, doch noch steht eine Frau zwischen ihm und dem endgültigen Zusammenbruch, Lady Murasaki, seine inzwischen verwitwete Stiefmutter.
Als Doktor Lecter Agent Clarice Starling zwang, sich an die schreienden Lämmer zu erinnern, war ein Mythos geboren, der dem Panoptikum der Serienmörder und Monster eine wirklich schillernde Gestalt hinzugefügte. Er eroberte den Film und sorgte für einen Siegeszug, bei dem auch Fortsetzungen nicht ausbleiben konnten. Mit Hannibal Rising leuchtet der Autor nun die Kindheit und Jugend des Doktor Lecter aus.
Anzeige Dabei stellt sich von vorneherein ein Problem: Ist es eine gute Idee, die Taten eines Hannibal Lecter, der auf faszinierendste Weise das unerklärlich Böse verkörpert, durch Kindheitstraumata zu erklären und fassbar zu machen? Wer sich dafür entscheidet, den „Gedankenpalast“ des Monsters zu betreten, wird auf eine dunkle, doch nicht allzu dunkle Reise mitgenommen.
Positiv zu vermerken ist, dass die Vermenschlichung des Jungen sich in Grenzen hält. Hannibal ist ein hochintelligenter, doch zerstörter Geist, den nur noch sehr dünne Fäden an die menschliche Gesellschaft fesseln. Die unterdrückte Liebe zu seiner Stiefmutter wird in leisen, doch umso eindringlicheren Worten geschildert und auch das Grauen des Mordes an Mischa tritt dem Leser deutlich vor Augen.
Demgegenüber wirkt Hannibals Rache enttäuschend konventionell. Einen nach dem anderen stöbert er seine Peiniger auf, um sie ihrer in seinen Augen gerechten Strafe zuzuführen, doch das Wie lässt die ausgeklügelte Perfidität, die subtile Bösartigkeit vermissen, die man eigentlich erwartet hätte. Der Kannibale und Feinschmecker hat noch einen weiten Weg vor sich. So ist Hannibal Rising ein handwerklich solider Roman, der weder enttäuscht, noch begeistert. Seine Existenz erklärt sich aus der Faszination der Figur Hannibal Lecter. Ob Lecter seinen Siegeszug hingegen auch angetreten hätte, wenn Hannibal Rising am Anfang gestanden hätte, ist mehr als fraglich.
Fazit: Handwerklich solider Thriller, dem jedoch der besondere „Hannibal-Glanz“ fehlt