"Es ist ein Buch des Abschieds. Abschied von den Bildern meiner Jugend: Ein großer Himmel, der sich über weiten Feldern wölbt, bescheidene Dörfer, Kopfsteinpflaster, Sonnenblumen im Vorgarten, Gänse auf den Straßen und allenthalben jenen herrlichen Alleen, die im Westen dem motorisierten Verkehr geopfert wurden. Abschied von einer versunkenen Welt, in der die Jahreszeiten den Rhythmus des Lebens noch ganz unmittelbar bestimmten: das weidende Vieh auf sommerlichen Wiesen, Regenwolken über leeren Stoppelfeldern, der Schrei der Wildgänse, die im Frühjahr gen Norden ziehen, der Ruf der Häher im herbstlichen Gehölz, die Fuchsspur im frisch verschneiten Wald."
1961 gab die spätere Chefredakteurin und Herausgeberin der Zeit ein Büchlein heraus mit Artikeln über ihre alte Heimat Ostpreußen. Ihre Flucht 1945 schilderte sie darin; das Schicksal derjenigen, die nicht geflohen sind, eine Erinnerung an einen Freund, der am 20.Juli 1944 beteiligt, von den Nazis gehenkt wurde und eine Geschichte ihrer Familie, verwebt mit der Geschichte Ostpreußens.
Als sie das schrieb, lag der Schmerz über den Verlust der Heimat bereits lange zurück, aber war doch noch nahe genug, dass sie sich deutlich an Einzelheiten erinnern konnte.
Anzeige Herausgekommen ist eine Sammlung von Erzählungen und Essays, die jedes für sich zeigen, was für eine hervorragende Autorin die Dönhoff war. Auf vierzig Seiten schildert sie das Ende im Winter 1945, als die rote Armee Ostpreußen einkesselte, die Nazis die Flucht verboten und schließlich die Autorin auf ihrem Pferd 1500 Kilometer nach Westen floh. Allein diese Erzählung wäre schon den Preis des Buches wert, vergleicht man ihre Schilderung nur einmal mit dem Roman "Die Flucht" ihrer Großnichte Tatjana. Diese schafft es zwar auf vierhundert Seiten, also erheblich mehr, dafür ist der Roman aber auch deutlich langweiliger erzählt. Mit wenigen Strichen kann dagegen die Zeit-Herausgeberin Personen und Szenarien in unserem Kopf entstehen lassen.
Gleiches gilt für alle Artikel in diesem Band. Natürlich lässt sich das eine oder andere dagegen einwenden, etwa die manchmal ein wenig verklärte Rolle der ostpreußischen Aristokratie und der Feudalgesellschaft, die bis 1945 noch weitgehend intakt war. Aber das ist es auch, was ihrer Schilderung Lebendigkeit verleiht und dem Leser vorführt, dass hier nicht nur ein verlorenes Land besungen wird, sondern auch ein untergegangenes Zeitalter, ein Zeitalter mit Pferden statt Traktoren, mit Junkern und Bauern, mit Dörfern und Alleen statt Großstädten und Autobahnen.
So entstand ein Buch, das ich jedem empfehle, der sich mit Ostpreußen vor 1945 beschäftigen möchte.