„Beast“ ist das Romandebüt der Engländerin Ally Kennen. Das Buch hat eigentlich alles, was ein gelungener Roman braucht: Spannung, pointierte Sprache, eine kleine Romanze am Rande – und doch hat man am Ende das Gefühl, dass beim Lesen etwas gefehlt hat. Nur was?
Wahrscheinlich ist „Beast“ so entstanden wie ein ZDF-Fernsehfilm(Freunde des gepflegten ZDF-Fernsehfilms mögen mir diese Besprechung, in der ich sehr oft auf den Schwächen des ZDF-Fernsehfilms herumzureiten gedenke, verzeihen). Für ZDF-Fernsehfilme gibt es vermutlich eine Art Schritt-für-Schritt-Anleitung, ähnlich wie ein Kochrezept: Man nehme ein Ehepaar in einer Sinnkrise, mit einem oder zwei nicht mehr ganz so kleinen Kindern, eine/n einige Jahre jüngere/n potentielle/n Liebhaber/in, normalerweise ein/e neu hinzugekommene/r Arbeitskollege/in, kleide alle bei H&M ein und setze sie in ein ordentlich aufgeräumtes Ausstellungswohnzimmer von Mann Mobilia. Einem der Ehepartner (meist dem Mann, weil beim ZDF noch das traditionelle Familienbild, bei dem die Frau zuhause bleibt, hochgehalten wird) verschaffe man ein kleines Problem im Job, das sich am Ende genauso wundersam in Luft auflöst wie die Ehekrise (weil das Bewährte ja doch das Beste ist, soweit die Moral der Geschichte), und das Ganze unterlege man mit einer nicht allzu aufdringlichen Synthesizer-Orchestrierung, ohne größere Dissonanzen und ohne zuviel Schlagzeug.
Und was hat das jetzt mit dem vorliegenden Buch zu tun?Ally Kennens „Beast“ scheint nach einem solchen Kochrezept, nur eben für Romane anstatt für ZDF-Fernsehfilme, entstanden zu sein. Da haben wir einen männlichen Teenager namens Stephen, mit alkoholkrankem Vater und psychotischer Mutter, der bei einer Pflegefamilie lebt. Standesgemäß hat er schon einige kleinere Straftaten in seinem Register, ist aber – natürlich, wie könnte es anders sein? – im Grunde seines Herzens ein Guter, der nur leider auf die schiefe Bahn geraten ist.
Anzeige In dieser Pflegefamilie lebt auch deren durchtriebene Tochter Carol, die es faustdick hinter den Ohren hat,sich aber hinter dem Gesicht eines Engels versteckt und Stephen damit so manches Mal in die Bredouille bringt. Die beiden beharken sich und machen einander das Leben schwer – und wer in seinem Leben bereits mehr als anderthalb Romane gelesen und den einen oder anderen ZDF-Fernsehfilm gesehen hat, kann schon auf den ersten Seiten erahnen, dass hier die im Kochrezept vorgeschlagene Beilagen-Romanze nach dem Was-sich-neckt-das-liebt-sich-Muster vorbereitet wird – was sich dann, welche Überraschung, im letzten Drittel des Buches auch bestätigt.
Die dritte Hauptfigur im Bunde ist, und das ist auch schon das einzige wirklich ungewöhnliche an diesem Buch, ein Krokodil.Natürlich wird das nicht von Anfang an verraten, denn man muss ja laut Kochrezept erst einmal die Spannung aufköcheln, bevor man die restlichen Zutaten hinzugibt. Dieses Krokodil ist Stephens Haustier, das er in einem versteckten Käfig an einem Stausee gefangen hält und mit Schweinehälften, für die fast sein ganzes Taschengeld draufgeht, füttert. Während des ersten Drittels des Romans kann man sich noch der stillen Hoffnung hingeben, es würde sich um ein eingebildetes Fantasiewesen oder gar um eine metaphorische Bestie im Leben des Jungen, oder, falls das zuviel verlangt ist, zumindest um ein irgendein eigentlich ausgestorbenes prähistorisches Viechzeug handeln (so wie man manchmal insgeheim hofft, ein ZDF-Fernsehfilm würde zur Abwechslung in dieser Woche einmal eine unvorhergesehene Wendung einschlagen), aber zur Enttäuschung des Lesers wird dann doch sehr schnell klar: es handelt sich um ein gewöhnliches, echtes Krokodil.
Und dieses Krokodil wird, da es langsam größer und zu stark für den rostigen Käfig wird, zu Stephens Problem.Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn es ausbräche! (Das ist übrigens der Punkt, an dem bei einem ZDF-Fernsehfilm das für den durchschnittlichen ZDF-Fernsehfilmzuschauer höchste zumutbare Spannungsmaß erreicht wird und dieser sich einen Nordhäuser Doppelkorn genehmigt.) Natürlich ist es ausgerechnet Carol, die Stephen zu Hilfe kommt, weil sie ihn ja (wie man ja vermutet hat, sich aber eigentlich davon überraschen lassen sollte) doch ganz gern mag. Und natürlich hält Stephen noch eine zu Tränen rührende Geschichte aus seiner Vergangenheit bereit (eine ganz wichtige Zutat im Kochrezept: dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit, erst gegen Ende der Zubereitungszeit hinzufügen) – er hat seinen kleinen Bruder sterben sehen – mit der er Carols Herz schließlich erobert.
Was sollen uns diese Ausführungen sagen? „Beast“ ist ein Roman wie ein ZDF-Fernsehfilm, wie radiotaugliche Popmusik oder wie gutbürgerliche Küche: handwerklich durchaus solide gemacht, aber wenig überraschend – eine typische Routinearbeit eben. Am Ende hat man das Gefühl, einen Roman gelesen zu haben, wie man ihn schon hundertfach zuvor gelesen hat, weil es überall in der Welt Autoren gibt, die nach denselben Rezepten und Strickmustern schreiben. Was keinesfalls heißt, dass „Beast“ ein besonders schlechter Roman ist (weswegen diese Besprechung auch nicht als „Verriss des Monats“ bei uns auftaucht) – aber eben auch kein besonders guter.