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Martin Walser PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von T. Fauth, am 23-03-2007 14:30
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Martin Walse r©Jim Rakete Martin Walser wird 80

Martin Johannes Walser wird am 24. März 1927 als Sohn einer Gastwirtsfamilie in Wasserburg am Bodensee geboren. Die Umgebung seiner Kindheit schildert er im Roman "Ein springender Brunnen". Von 1938 bis 1943 besucht er die Oberrealschule in Lindau und wird in den Endjahren des Zweiten Weltkrieges noch in die deutsche Wehrmacht eingezogen. Nach Kriegsende kehrt er zurück nach Lindau, macht dort das Abitur und zieht anschließend zunächst nach Regensburg, dann nach Tübingen, wo er Literaturwissenschaften, Geschichte und Philosophie studiert. Weil er eine gute Tenorstimme besitzt, will der junge Martin Walser Sänger werden. Im Studententheater Regensburg findet diese Beschäftigung eine Fortsetzung, bis der Student einer wirklich "großen Stimme" begegnet und seine Pläne ändert. 


Schon während des Studiums arbeitet Walser als Reporter, Regisseur und Hörspielautor für den Süddeutschen Rundfunk (Bereich "Politik und Zeitgeschehen") und das Fernsehen, reist diesbezüglich mehrfach ins Ausland und beginnt erste Hörspiele zu schreiben. 1950 heiratet er "Käthe" Neuner-Jehle. Seine zweitgeborene Tochter ist Alissa Walser, die später ebenfalls als Schriftstellerin Erfolg haben wird. 1951 promoviert er in Tübingen mit einer Dissertation zu Franz Kafka.

Auszeichnungen und Mitgliedschaft in der Gruppe 49 

Ab 1953 nimmt er an Tagungen der Gruppe 49 teil, zu der Namen wie Günter Grass, Heinrich Böll oder Marcel Reich-Ranicki gehören. Von dieser Grupee wird er 1955 für seine Erzählung "Templones Ende" mit deren Literaturpreis ausgezeichnet. Sein erster Roman erscheint zwei Jahre später. "Ehen in Philippsburg" heißt das Werk und wird ein voller Erfolg. Genug, um sich anschließend als freier Schriftsteller am Bodensee niederzulassen. Für dieses Werk erhält er den Hermann-Hesse-Preis. Seit dem Erscheinen seines Romans "Halbzeit" (erster Teil der "Anselm-Kristlein-Trilogie") im Jahre 1960 ist Martin Walser eine öffentliche Person. Neben Romanen, Essays und Hörspielen schreibt Walser auch Theaterstücke. 1965 erscheint "Erfahrungen und Leseerfahrungen - Essays", wofür Walser den Schiller-Gedächtnis-Förderpreis des Landes Baden-Württemberg verliehen bekommt, den er 1980, nach zwischenzeitlicher Erscheinung weiterer Werke, für seinen Roman "Das Schwanenhaus" erneut erhält. 1981 wird Walser der Georg-Büchner-Preis verliehen. Seine Frankfurter Poetik-Vorlesung wird unter dem Titel "Selbstbewußtsein und Ironie" herausgegeben und er erhält dafür die Heine-Plakette der Heinrich-Heine-Gesellschaft. 1983 wird ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Konstanz verliehen, 1987 erhält er das Große Bundesverdienstkreuz. Dies sind nur einige der Preise und Ehrungen, die man ihm verlieh.

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Bei den Protagonisten seiner Romane handelt es sich immer wieder um Personen, die einen inneren Konflikt austragen und im Leben scheitern bzw. gescheitert sind, da sie den eigenen Anforderungen und denen anderer nicht gewachsen sind. Ein Beispiel hierfür bietet Karl von Kahn in seinem neuesten Roman "Angstblüte" (2006). Diese Figuren sind typisch für Romane der deutschen Nachkriegsliteratur. Alltagsfiguren und -situationen, Opfer eher als Täter, Verlierer eher als Gewinner tauchen in in seinen Geschichten auf, betrogen, gebeutelt, enttäuscht, doch nicht gänzlich entmutigt. Dabei orientiert und bedient er sich - auch sprachlich - an der Umwelt, die ihm die Ereignisse liefert, die Geschichten und Gesichter, die. laut Walser, ein einzelner Mensch zu erfinden kaum in der Lage wäre. Deshalb verbinde ihn das Schreiben mit der Welt und den Menschen.

Politisches Engagement und Skandale

Auch politisch ist Martin Walser aktiv. So setzt er sich, wie viele andere linke Intellektuelle, für die Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler ein, ist engagierter Gegner des Vietnamkriegs, reist nach Moskau und gilt als Sympathisant der DKP, der er aber nie als Mitglied angehören wird. Auch gegen die Teilung Deutschlands äußert er sich öffentlich, was den literarischen Stoff zu seiner Erzählung "Dorle und Wolf" bildet.
Die linke Szene betrachtet Martin Walser lange als einen der ihren, bis zum 11. Oktober 1998, als Walser anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche eine Dankesrede hält, durch die er eine heftige Debatte über die deutsche Erinnerungskultur initiiert, die noch lange diskutiert werden sollte. Innerhalb dieser Rede lehnt er eine "Instrumentalisierung des Holocaust" ab:

"Ich möchte verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie nie zuvor. Wenn ich merke, dass sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf die Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube entdecken zu können, dass öfter nicht das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung. [...] Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets [...]"

Die sprachlich komplizierten Äußerungen Walsers wurden oft wie folgt interpretiert: Walser fühle sich durch die Nazi-Verbrechen tief berührt. Jedoch banalisiere die ständige Wiederholung der Darstellungen sein persönliches Empfinden für die Ausmaße dieser Verbrechen. Deshalb wolle er diese "gebetsmühlenartig" wiederholte "Aufarbeitung" trauriger deutscher Geschichte nicht vorantreiben. Seitdem wird er von Ultrarechten vereinnahmt und von einigen extrem linken Gruppierungen zum Antisemiten erklärt. Ignaz Bubis, Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, wirft ihm "geistige Brandstiftung" vor. Walser hält entgegen, dass er keine politische Instrumentalisierung seiner "sehr persönlichen Ansicht" beabsichtige und nur von seinem subjektiven Empfinden gesprochen habe. Noch im Dezember 1998 treffen sich Walser und Bubis zu einem Gespräch, in dem sie den Streit um Walsers Rede beilegen. Bubis nimmt den Vorwurf der "geistigen Brandstiftung" zurück, betont aber die Missverständlichkeit der Äußerungen, während Walser auf der Unmissverständlichkeit seiner Rede beharrt.

Als Walser in seinem Schlüsselroman (d.h.: ein Roman, hinter dem eine wahre Geschichte mit wahren Personen steckt) "Tod eines Kritikers" (2002) den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einerseits als Person, andererseits als Symbol einer unredlichen Kulturszene zu kritisieren scheint, hagelt es Proteste, es gibt sogar den Vorwurf des Antisemitismus. Walser selbst versteht den Roman als satirischen Blick auf den Kulturbetrieb. Er betrachtet die Kritik als "Hinrichtung", räumt aber "geschmacklose" Passagen ein. Auch aufgrund des fehlenden Bekenntnis zu diesem Roman wechselt Walser 2004 vom Suhrkamp Verlag, in dem er in 49 Jahren 136 Werke veröffentlicht hat, zum Rowohlt Verlag.

Walser ist Mitglied der Akademie der Künste (Berlin), der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, der Sächsischen Akademie der Künste und Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. Auch heute noch lebt er in Überlingen-Nußdorf am Bodensee. Seinen 80. Geburtstag wird er auf der Buchmesse Leipzig feiern.

Bild: (c) Jim Rakete



Letztes Update: 23-03-2007 15:48

Veröffentlicht in : Magazin, Specials
Schlüsselworte : Martin Walser, Angstblüte, Tod eines Kritikers, Günter Grass, Marcel Reich-Ranicki, Heinrich Böll, Nachkriegsliteratur
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