Der Kinderbuchmarkt wie der Jugendliteraturmarkt expandieren. Reich verzierte, also illustrationsreiche Literatur für Kinder und Heranwachsende, und schließlich Erwachsene, hat in den letzten Jahren wie das Hörbuch an Bedeutung gewonnen, während der übliche Buchmarkt stagniert. Nicht zuletzt durch das Internet oder die digitalen Medien ändert sich die Literaturlandschaft.
Verwunderlich an der Kinderbuchliteratur ist, wie auch dem vorliegenden Buch, die Vorherrschaft von Tod und Behinderung und Außenseitertum in der Literatur für Kinder, so als ob es von besonderer Bedeutung für Kinder oder deren Erziehung wäre, über Krankheit und Tod im besonderen Maße zu referieren. Da es also Kinder lesen, muss noch mal hinterfragt werden, ob dieses Kinder tatsächlich interessiert und ob es in dem Maße überhaupt sinnvoll ist. Oder, ob nicht viele Illustratoren oder Kinderbuchautoren viel eher dazu neigen von ihren Krankheiten und ihren Beschwerden zu schreiben, um sich durch ein Kinderbuch rein zu waschen oder zu entschlacken. Denn die besonders in den letzten zehn Jahren auffallend hohe Anzahl Kinderbücher über Tod, Gebrechlichkeit und Melancholie überrascht.
In diesem Buch geht es nun zwar nicht um Tod, sondern einen tauben Jungen, der nicht richtig sprechen kann. Aber um die für den Jungen daraus resultierende große Melancholie, in der alles vorgetragen und in der auch gezeichnet wurde, geht es auch. Die, wenn auch schönen Illustrationen, vermitteln den Eindruck einer zurückgezogenen, einsamen oder doch gemeinsamen, jedenfalls auf wenige Menschen reduzierten schönen Kinderwelt. Ein zweifellos attraktives Buch. Aber auch ein grundsätzlich trauriges.
Um also zu der Frage zurückzukehren: Wollen Kinder Bücher wie diese? Und ist es wirklich nötig Kindern den Tod vor Augen wiederholt zu halten und diese Gebrechlichkeit? Oder neigt, der Kinderautor nicht selbst dazu sich, wie ich erschrocken auf dem Buchrücken einer tatsächlich ernst gemeinten literaturwissenschaftlichen Arbeit fand, durch „das Schreiben die Seele sauber zu halten“?
Anzeige Natürlich lässt sich mit Bestimmtheit nicht sagen, was Kinder wünschen und was nicht. Pädagogen, die dieses behaupten, haben sich alle Jahre zu reanimieren, weil sie entweder verworfen werden – immerhin sprechen wir vom Innenleben eines unmündigen Lebewesens -, oder weil ihre Behauptungen sich mit existierenden Erwachsenen nicht decken. Aber wenn Michael Ende und andere Autoren für Kinder schrieben, dann unterschied sich das auf jeden Fall von einer Guteheilewelt oder Anregungswelt, wie man sie der modernen Pädagogen entnehmen kann. Einer Welt also, in der Pädagogen oder von Pädagogen beeinflusste Eltern versuchen das Kind so wohl behütet wie nur irgend möglich aufwachsen zu lassen, so dass sie, oft aus Erfahrung der Eltern oder Pädagogen, so spät wie möglich mit den so genannten Grausamkeiten des Lebens konfrontiert werden und nicht schon im Kindesalter. Das Kindesalter des Kindes mutet auf diese Weise nicht ohne Resultate, einer Art bessere Kindheit der Pädagogen oder Eltern. Inwieweit dieses Gebaren, wie ja auch die anfangs propagierte Übersauberkeit lebensförderlich, wirklich hilfreich und gut ist, und ob es die Kinder nicht vielmehr einer Einseitigkeit und damit Scheinheiligkeit erzieht, werden die nächsten Jahrzehnte zeigen, wenn man sich der derzeit sehr populären Pädagogik erholt, wie man sich der Übersauberkeit erholte, die, das fand man dann zum Bedauern aller Beteiligten „erst nachträglich“ heraus, gesundheitsschädlich sei.
Wenn also scheinheilige Literatur zugegebenermaßen schön ist und Schönheit allein nachteilig ist, wäre Literatur wie diese, das heißt über Tod und Krankheit pädagogisch wertvoll? Nun, sicher ist es von Vorteil, wenn das Kind mit Tod und Krankheit konfrontiert wird, und sicher ist es gut zu verstehen, was in anderen Menschen vorgeht, die nicht wie man selbst funktionieren. Ob allerdings durch die derzeitige Todeskinderliteratur dem Kind geholfen wird, könnte man anzweifeln, und man könnte ebenso vermuten, dass es hier dem Kinderbuchautor wie Michael Ende geht: Er erschafft eine eigene, in sich geschlossene, im Grunde melancholische Welt, die komplexe Themen auf ihre Weise interpretiert. Für ihn, und für den Rest der Welt, in diesem Falle die Kinder.
Nur das Kind, das sich dieser Thematik und Schwere im Grunde nicht interessiert - davon sollte man bei einem Siebenjährigen ausgehen -, wird eine allzu erwachsene Weltsicht aufgedrückt, ohne dass es sich seines geistigen Unvermögens wehren kann. Inwieweit dieses nachteilig ist, werden Analysen des Pädagogismus der Jahrtausendwende in Zukunft zeigen. Da Kinder jedoch nicht schreiben können, bleibt es bei Erwachsenen die wie Kinder für Kinder schreiben, Kinderliteratur zu veröffentlichen, und so hoffen wir mal, dass das Interesse an Todesliteratur und Melancholielektüre, bei aller Vorliebe fürs Zurückgezogene, in den nächsten Jahren kleinwenig zurückgeht, um das Kind nicht nur reich und schön illustrierter Gebrechlichkeit zu konfrontieren.
Ein sehr schön illustriertes, stilles Kinderbuch für Erwachsene.
Jeroen van Haele Die stille See (Originaltitel: De Stille Zee)
Übersetzt von Meike Blatnik
Empfohlen ab 8 Jahre
Illustriert von Sabien Clement
Bloomsbury Kinderbuch
gebunden, 77 Seiten, EUR 9,90
ISBN 3827051835