Jane Terry gehört zum Club der Schattentaucherinnen, der Totstellperfektionistinnen, schweigenden Mauerblümchen und anpassungsfähigen Chamäleondamen. Irgendwann hatte sie sich entschieden, ein unsichtbares Leben zu führen. Ihre Eltern hatten sie sowieso nie beachtet und ihr Mann Peter hatte sich gerade wegen ihrer Unscheinbarkeit in sie verliebt. Doch kann man ein Leben in Unsichtbarkeit führen, ohne irgendwann zu platzen?
Als Tochter zweier leidenschaftlicher HNO-Ärzte ist Jane für ihre Eltern eigentlich nur interessant, wenn sie krank ist. Sie ist nicht Kind, sondern Nase... oder mal ein Ohr. Schon ihre Geburt sieht der Vater als medizinische Herausforderung: In einem schalldichten Raum will er die Entbindung mit Kamera und Tonband dokumentieren – die Forschungsarbeit über das Thema „Geburtsschreimimik“ soll ihm zum wissenschaftlichen Durchbruch verhelfen. Doch stattdessen kommt Jane als Sturzgeburt mitten bei einem Patientengespräch auf dem Linoleumfußboden der Praxis auf die Welt. Statt seiner Karriere beginnt mit Janes Leben die Depression des Papas.
Um dem HNO-Universum des Elternhauses, dem Alkoholismus des Vaters und der Mutter, die ihre Freizeit lieber im Supermarkt als Daheim verbringt, zu entfliehen, legt sich Jane eine ganz eigene Strategie zurecht: „(...) die schreckliche Vorstellung, daß es in meinem Leben immer so weitergehen würde, war so unerträglich, daß ich beschloß, die Schwingungen meines Körpers so sehr zu reduzieren, daß ich für die Umwelt nicht mehr wahrnehmbar sein würde. Überzeugt durch diese Überlebensstrategie dem Irrsinn keine Angriffsfläche mehr zu bieten, schrieb ich 'Dann lieber unsichtbar!!!' auf ein kleines Stück Papier (...)“
Anzeige Trotz des stillen Schmerzes und der Resignation der Protagonistin schafft es Autorin Ivana Jeissing immer wieder, dem Leser ein breites Grinsen zwischen die Ohren zu zaubern. Die Schilderung der skurrilen Geburt oder die absurden Fachsimpeleien der Eltern, die sich selbst beim Anblick eines Busches an die Faszination von Nasenhaaren erinnert fühlen, sorgen dafür, dass man nicht vergisst, dem Irrsinn des Alltags hin und wieder mit einem Lächeln zu begegnen.
Nun ist Jane von London nach Berlin verpflanzt worden, wo ihr Mann Peter die große Karriere startet und sie sich einsam mit der Fremde konfrontiert sieht. Die Ehe hat schon lange nichts mehr mit Liebe zu tun. Der eigene Erfolg als Designerin bleibt ebenfalls auf der Strecke. Alles in allem ein ziemlich graues Leben, das niemanden interessiert. Nicht einmal Jane selbst. Doch Jane lernt den betagten Fred kennen. Einen waschechten Berliner, Kriegskind und Kinobesitzer. Er sieht mehr in ihr als sie sich je erträumte, zeigt Interesse an ihrer Person und ist der erste Mensch, der jemals die so einfache, doch wichtige Frage „Wie geht es Dir?“ stellt.
Fred wird zu Janes bestem Freund und Helfer. Die Ereignisse nehmen ihren Lauf, Zufälle und Schicksal sowie Janes Mut und Freds Freundschaft führen zu wichtigen Begegnungen und Erkenntnissen. So beginnt ganz langsam und zunächst unbemerkt der Weg in die Sichtbarkeit.
Unsichtbar ist keineswegs in die Schublade „Literatur für Frauen in der Menopause“ zu stecken, auch wenn es auf den ersten Blick thematisch dort hineinpassen würde. Es beschäftigt sich zwar nicht damit, was die Welt im Innersten zusammenhält, aber mit den ganz persönlichen Problemen eines Lebens, mit dem, was jeder als Alltag kennt. „Warum ist es so schwer zu gehen und soviel einfacher zurückzukehren? Warum bleibe ich bei Peter, obwohl ich allein nicht einsamer wäre? Warum tue ich nicht, was ich will, sondern was andere von mir erwarten? Wie komme ich überhaupt auf die absurde Idee, Peter könnte mich so lieben wie ich bin? Obwohl ich ihm nie gezeigt habe, wer ich bin. Weil ich keine Ahnung habe. Und es auch gar nicht wissen will.“ Fragen, die auf den ersten Blick vielleicht abgelutscht wirken, doch durch die wunderbar warme Erzählung so poetisch und urkomisch zugleich umgesetzt werden, dass man das nächste Werk von Ivana Jeissing kaum erwarten kann.
Fazit:Unsichtbar ist ein kleines tragikomisches Meisterwerk. Ivana Jeissing gelingt es auf brillante Weise zwischen Ironie und Zynismus, Melancholie und Alltagswahnsinn zu balancieren. Ein Buch, das man verschlingt und gerne immer wieder zur Hand nimmt.