"An dem Tag, an dem sie Santiago Nasar töten wollten, stand er um fünf Uhr dreißig morgens auf, um den Dampfer zu erwarten, mit dem der Bischof kam." Von Anfang an ist klar, dass Santiago Nasar an diesem Tage sterben wird. Doch was war geschehen, was diesen Mord rechtfertigen könnte?
Es soll der schönste Tag im Leben werden, die Hochzeit zwischen Angela Vicario und Bayardo San Román, der erst kurze Zeit zuvor ins Dorf kam. Alle feiern ein (be)rauschendes Fest. Doch schon kurz darauf folgt der Skandal: In der Hochzeitsnacht entdeckt der Bräutigam, dass er eine entehrte Frau geheiratet hat. Daraufhin bringt er sie zurück zu ihren Eltern. Angela offenbart auf Drängen den Namen des angeblichen Schuldigen: Santiago Nasar, ein Freund ihrer Brüder Pedro und Pablo und im Dorf sehr beliebt.
Anzeige Die Folge scheint klar: Die beschmutzte Familienehre muss gerächt werden - blutig. Die Brüder Vicario werden die Rache ausführen. Jedoch zeigt sich in ihnen ein Kampf, immerhin handelt es sich um ihren Freund, mit dem sie auf der Hochzeit der Schwester noch gemeinsam getrunken und gefeiert haben. Nach außen zeigt sich eine agressive und entschlossene Sprache der beiden, jedoch verfolgen sie mit der Ankündigung der Rache im ganzen Dorf ein ganz anderes Ziel: Man soll sie aufhalten. Die Brüder agieren öffentlich, inszenieren den Racheakt förmlich und fordern die Dorfbewohner dadurch geradezu auf, sie am Mord zu hindern.
Der Versuch scheitert, denn fast niemand berichtet dem unwissenden Beschuldigten von den Vorwürfen, so dass dieser auch nicht mehr flüchten kann. Die wenigen Versuche scheinen halbherzig und bleiben uneffektiv. Viele wollen es gar nicht wahr haben. Auch die durch die Abnahme der Messer gewonnene Zeit ändert nichts daran. Das ganze Dorf schaut zu...
In Chronik eines angekündigten Todes verarbeitet Gabriel García Márquez sein vielleicht schmerzhaftestes Jugenderlebnis, den Mord an seinem Freund Cayetano Gentile Chimento. Beinahe 30 Jahre lang dauert es, bis er die Geschichte aufschreiben kann, da er seiner Mutter versprechen musste, dies zu unterlassen, solange die Mutter des Opfers lebe. Dennoch bleibt er von diesem Ereignis so besessen, dass er auch nach Jahren nichts vergessen hat.
Es war der 22. Januar 1951, an dem der junge Italiener Cayetano von seinen Freunden, den Brüdern Chica Salas, erstochen wurde. Dass die Braut, Margarita, nicht nur mit Cayetano, sondern auch einer Reihe anderer liiert war, war im Dorf scheinbar bekannt. Doch aus Hass oder Rache beschuldigte sie ihn, sie entehrt zu haben. Zum Zeitpunkt des Mordes in Sucre war García Márquez nicht anwesend.
Chronik eines angekündigten Todes ist ein Buch über die Sehnsüchte der Menschen, die Traditionen und gesellschaftlichen Konventionen, die sie gefangenhalten. Das kramphafte Festhalten an diesen Traditionen führt letztlich zum Mord an einem Menschen, den keiner will, aber niemand verhindert.
Beeindruckend schildert GGM den "machismo" seines Landes, der den Frauen jede Verantwortung für ihr Tun und das Geschehen nimmt. Auch die echten Dorfbewohner waren sich einig, dass nicht Margarita am Tode Cayetanos schuldig war, sondern das ganze Dorf, das den Kampf zwischen Freundschaft und Tradition verloren hat.
"Dies ist kein Drama des Schicksals, sondern der Verantwortung. Mehr noch: der kollektiven Verantwortung. Ich glaube sogar, das Buch endet damit, dass der Mythos des Schicksals unglaubwürdig wird, weil es zeigt, dass wir selbst die Herren unseres Schicksals sind" (Gabriel García Márquez)
Eine traurige Geschichte, die jedoch, trotz ihres bekannten Endes und eines geradlinigen Verlaufs, fesselt. Der einzigartige Stil des Autors machen dieses Werk zu einem absoluten Muss und auch die Hörbuchausgabe ist sehr zu empfehlen.
Gabriel García Márquez Chronik eines angekündigten Todes Gesprochen von Hanns Zischler
Der Audio Verlag
2007
185 Min., EUR 21,89 - 22,99
ISBN: 3898136329