Ein ganz normaler Schultag, wenn nur dieses Schmuddelwetter nicht wäre. Böiger Wind und strömender Regen. Doch dann sieht Jan Silber das Unfassbare: Auf dem Schuldach klettert sein Klassenkamerad Kai bei Wind und Wetter auf den glitschigen Ziegeln herum. Ist Kai wahnsinnig geworden? Kaum ist es Jan gelungen, die Klasse und ihren Lehrer auf das drohende Unheil aufmerksam zu machen, passiert es: Kai stürzt vor den entsetzten Augen der Schüler vom Dach auf den knallharten Beton. Schwer verletzt wird er ins Krankenhaus gebracht.
Die Hans-Bödecker Schule in Köln ist der Tatort des Romans Der Einzelgänger und gleichzeitig Startschuss der Treffpunkt Tatort Kinder-Krimireihe des erfolgreichen Autors Klaus-Peter Wolf. Zutiefst erschüttert von den schrecklichen Geschehnissen unterhalten sich Kais Mitschüler Tim, Doro, Lena und Jan über Kai. Warum hat er das getan? Wieso wissen sie so wenig von ihm und weshalb tauchte er an einem Abend unangekündigt mit seinem Schlafsack vor Jans Tür auf? Von diesen Fragen angetrieben beschließen die vier, Kais mysteriösen Sturz auf eigene Faust aufzuklären. Das ist auch nötig, denn die Polizei in Gestalt des chronisch schlecht gelaunten und von Zahnschmerz geplagten Kommissar Lohmann will den Fall eher abschließen als durchleuchten.
Anzeige Bei ersten Erkundungen auf dem Dachboden der Schule stoßen die Jugendlichen auf Seltsames: Kai hat sich zwischen altem Krempel und Biologiepräparaten ein Lager eingerichtet - es scheint, als habe der verschlossene Klassenkamerad oft unter dem Schuldach geschlafen. Diese Entdeckung ist der erste Schritt, das Geheimnis um Kais Sturz vom Schuldach zu lösen - ein Unfall, so viel steht fest, kann es nicht gewesen sein. Aber je näher die vier jungen Detektive der Lösung des Falls kommen, desto gefährlicher wird es für sie selbst. Gut, dass Lenas Großvater, der pensionierte Kommissar Günther Grün, den Schülern zur Seite steht, präzise Fragen stellt und zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.
Die Lebensrealität der Charaktere in Der Einzelgänger ist nah an der Wirklichkeit: Die vier jungen Ermittler leben in sozialen Verhältnissen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Ihre Sprache ist direkt und die Handlung am technischen Puls der Zeit: SMS und Internet sind selbstverständlicher Teil des Alltags. Auch Neid und Verunsicherung sind ihnen nicht fremd - und genau das macht die vier so sympathisch. Trotz aller Unterschiede verstehen sie sich gut und setzen ihre individuellen Eigenschaften für die Ermittlungen ein. Nur als Team sind sie erfolgreich. Auch Kommissar Lohmann und seine Kollegin Annette Köster sind feinfühlig portraitiert. Dazu sorgt Lohmann durch seine griesgrämige Art oft unfreiwillig für komische Momente - kleine Atempausen in der spannenden Ermittlung. Angesichts der nervenaufreibenden Spannung und der atemlosen Entwicklung der Ereignisse verzeiht man Klaus-Peter Wolf auch die eine oder andere kleine erzählerische Ungereimtheit - schließlich ist es wichtiger, die Umstände Kais Sturz aufzuklären.
Der Einzelgänger ist nichts für schwache Nerven - ein Kriminalroman, der seine jungen Leser nicht vor der Realität schützen will und gerade dadurch zu einem zeitgemäßen Jugend-Krimi wird. Klaus-Peter Wolf gelingt es, den Lesern bei aller Gefahr und Spannung das Gefühl zu vermitteln, dass alles gut Enden wird. Zusätzlich sind Kommissar Lohmann und Günther Grün angenehme Ruhepole in der für die vier Schüler so gefährlichen Suche nach der Wahrheit. Man darf nach dem gelungenen Startschuss der Krimi-Reihe also gespannt sein auf die weiteren Abenteuer von Doro, Tim, Lena und Jan.