Hierzulande lieben alle die italienische Küche, fachsimpeln über den passenden Sugo zur garantiert bissfest gegarten Pasta und spülen den reifen Peccorino mit einem guten Schluck Chianti hinunter. In Italien selbst ist die italienische Küche globaler Art weitgehend unbekannt, da isst man alla Livornese, original piemontesisch oder am allerbesten wie zu Urgrossmutters Zeiten mit einer unbeschreiblichen Vielfalt an lokalen Gerichten und Gewürzen.
Die nuancenreiche Küche Italiens mit ihren lokalen Besonderheiten ermöglicht es der Autorin Marlena de Blasi, immer neue Episoden in bella Italia mit Rezepten anzureichern. Fast jeder Ort hat ein typisches Gericht und so verändern die Schwärmereien über opulente Mahlzeiten und köstliche Gaumenfreuden ihre geografische Verortung.
Zuerst erzählte die amerikanische Autorin von den kulinarischen Gepflogenheiten Venedigs, schwelgte in Fisch und aparten Geschmacksrichtungen für den geschmorten Trevisosalat. Dann folgte eine Zeit in der Toskana, ebenfalls sehr nahrhaft, und nun hat sie sich mit ihrem venezianischen Gatten daran gemacht, einen halb verfallenen Palazzo samt Ballsaal mit neuem Leben und neuen Gerichten zu erfüllen.
Anzeige Keine Frage, Marlena de Blasi versteht es, Atmosphäre und Lokalkolorit in ihre Erzählungen einzufangen, ihre Texte atmen dieses gewisse Etwas des italienischen Lebensgefühls. Allerdings wirkt vieles wie die Beschwörung eines längst vergangenen Italienbildes, ja eines Klischees. Die Tatsache, dass sie auf dem Markt noch immer ein paar Hundertlirescheine aus der Tasche zieht und bei Busenwunder Miranda ein Abendessen für zwei mit dreissigtausend Lire begleicht, wirkt merkwürdig altmodisch.
Es scheint, als erzähle sie Märchen aus dem vorvergangenen Jahrhundert, als träume sie sich die Sagra, die Kirchweih, so zurecht wie sie früher einmal war, anstatt sie tatsächlich zu beschreiben. Ihr barock beladener Schreibstil und die Opulenz ihrer Eindrücke scheinen diesen verklärten Rahmen von anno dazumal zu brauchen und so hat sie die flackernden Neonlichter und den wabernden Rhythmus des harten Rocks oder die plärrenden Fernseher einfach ausgeblendet. Die raue, laute und oft chaotische Seite Italiens kommt in ihren Beobachtungen nur in der Gestalt von Touristen vor, die wie Heuschrecken über die Souvenir- und Keramikläden herfallen und die Stadt wieder verlassen, ehe der Sonnenuntergang alles in ein unwirkliches Lichtgemisch aus Rot und Lila taucht. Ansonsten werden bei Marlena de Blasi die Telefonate noch mit dem Gettone am öffentlichen Fernsprecher erledigt. Sie macht tatsächlich auf fast 300 Seiten eine handyfreie Zone aus Italien.
Es sind süßlich harmonische Episoden, die sie erzählt, voller Vertrauen auf alte Traditionen und Respekt vor den Menschen und ihren Geschichten. Dabei ist nicht zu übersehen, dass die ehemalige Küchenchefin das Essen liebt, es duftet förmlich nach frisch gebackenen Broten und herrlich gewürzten Schweinekeulen. Der schwere Rotwein darf nicht fehlen, das grünglänzende Olivenöl noch weniger. Umbrien, ein Landstrich, der viel Schönheit und viel Ursprünglichkeit zu bieten hat, verliert bei so viel romantischer Harmonie an Konturen, doch die Romanze mit einer angemessen Portion Liebe mundet durchaus wie ein abgerundetes Menu, bei dem man ungeachtet diverser Diätvorschriften einmal etwas über die Stränge schlägt.