Cambridge im Jahre 1171. Um den Mord an einem kleinen Jungen und das Verschwinden weiterer Kinder aufzuklären, reist die Totenärztin Adelia, ausgebildet an der berühmten Hochschule von Salerno, im Auftrag des Königs von Sizilien und der Billigung der Obrigkeit Englands in die Stadt. Begleitet wird sie von Monsur, ihrem Diener, der ein Eunuch ist und von Simon Menahen aus Neapel, als Agent und Ermittler. Der Morde verdächtigt werden die Juden. Was sich zugetragen hat, hören die drei von Prior Geoffrey, der ihre Mission tatkräftig unterstützt.
Adelia muss ihre wahre Identität verbergen. In England gibt es noch keine Ärztinnen. Sie lassen sich in der Stadt nieder, den Arzt gibt Master Simon, während Adelia lediglich als seine Gehilfin fungiert. Zusammen mit dem Steuereintreiber des Königs, Roland Picot, der hier als Zeuge auftritt, untersucht Adelia die sterblichen Überreste des kleinen Peter. Es muss ein unglaublich grausamer Mörder am Werk gewesen sein, soviel steht bald fest. Das bestätigen auch die Untersuchungen der anderen Kinderleichen, die zwischenzeitlich gefunden werden. Die Juden können es diesmal nicht gewesen sein. Sie sind in der Burg in Gewahrsam genommen worden. Der Mörder läuft also frei herum.
Die Untersuchungsergebnisse werden nicht gerade begeistert zur Kenntnis genommen. Offensichtlich ist das Interesse an der Aufklärung der Morde bei den Stadtvätern nicht gerade groß.
Dennoch setzten Adelia und ihre Begleiter Puzzlestein für Puzzlestein zusammen. Sie fragen sich, wieso die vermissten Kinder gerade jetzt gefunden worden sind. Prior Geoffrey fällt ein, dass er den Steuereintreiber schon einmal in der Stadt gesehen hat, genau zu der Zeit als der Mord am kleinen Peter geschah und auch an dem Tag, als Mary verschwand, war er zugegen. Auch Master Simon kommt später zu dem Schluss, dass sie zusammen mit den Pilgern auch den Mörder mit in die Stadt gebracht haben.
Anzeige „Die Totenleserin“ ist ein aufregender Roman. Man muss sich aber zunächst an den etwas ungeschliffen wirkenden Schreibstil der Autorin gewöhnen. Der Roman ist sehr straff geschrieben, was aber durchaus positiv ist. Die Handlung wird stetig vorangetrieben, mit Nebensächlichkeiten hält sich die Autorin nicht auf.
Die historischen Hintergründe sind perfekt recherchiert, so ist es eine Freude, in die beschriebene Zeit einzutauchen. Die Morde sind dagegen nicht so leicht zu verkraften, das bekommt die Totenleserin zu spüren. Sie ist eine interessante Persönlichkeit. Trotz aller ihr entgegengebrachten Widerstände behauptet sie sich. Ihr Selbstbewusstsein und ihr Engagement sind bewundernswert. Auf den Mund gefallen ist sie auch nicht. Mit ihrer unvergleichlichen Art, die Dinge beim Wort zu nennen, bringt sie die Männerwelt ordentlich in Verlegenheit oder entwaffnet sie geradezu. Aber viele der vorkommenden Charaktere sind für eine Überraschung gut. So zum Beispiel König Henry, der sich die Stadtoberen mal richtig zur Brust nimmt. An Humor fehlt es dem Buch also nicht.
„Die Totenleserin“ ist ein spannender, geschickt angelegter Krimi, ein aufwändig recherchierter historischer Roman und auch eine romantische Liebesgeschichte. Man wird ausgesprochen gut unterhalten.
Ariana Franklin Die Totenleserin Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Droemer Verlag
Gebunden, 477 Seiten
ISBN: 3426197391
Preis: 19,90 Euro