Kommissar Richard Biddling entlässt seinen Freund und Mitarbeiter Heiner Braun nur ungern in den Ruhestand, insbesondere jetzt, da der brutale Raubmord an dem Geschäftsmann Hermann Lichtenstein das Frankfurt der Jahrhundertwende in Aufruhr versetzt. Während Richard den Spuren von High Society bis Edelpuff folgt, merkt er nicht, dass er sich immer weiter von seiner Frau Victoria entfernt. Zum Glück hat Heiner zwar den Dienst, nicht aber seinen Nebenjob als Schutzengel quittiert, doch gegen manche Gegner ist auch er machtlos.
Das Frankfurt der Jahrhundertwende ist ein verwirrendes Nebeneinander von idyllisch-verwinkelten Gässchen, tiefster Armut und blendender Festlichkeiten. Sich an dieses Nebeneinander zu gewöhnen, war für den preußischen Kommissar Richard Biddling nicht leicht, und nun hat Polizeiassistentin Laura Rothe, die erste Frau im hessischen Polizeidienst, diesen Kulturschock noch vor sich. Zu ihrem Glück dürfen beide auf die Hilfe eines echten Frankfurter Urgesteins zurückgreifen – Wachtmeister Braun, der scheinbar jeden Bewohner seiner geliebten Altstadt mit Namen und Biographie kennt.
Doch nun ist Braun im Ruhestand, und Richard muss sich bei der Lösung des Mordfalls Lichtenstein auf seinen mürrischen, rechthaberischen Nachfolger Beck verlassen, der an einer fruchtbaren Zusammenarbeit keinerlei Interesse zu haben scheint. Dennoch werden schnell zwei Tatverdächtige verhaftet, doch damit ist der Alptraum für Richard noch nicht zu Ende. Eine Reihe von anonymen Briefen reißt alte Wunden auf, die bald drohen, einen Keil zwischen ihn und seine sozial höher gestellte Ehefrau zu treiben. Noch ahnt Richard nicht, dass jede Entscheidung nur ins Verderben führen kann.
Es ist eine fremde Welt, in die Schriftstellerin und Kriminalhauptkommissarin Nikola Hahn ihre Leser entführt. Der junge Paul Heusohn hat noch nie einen Telephonapparat bedient, und Richard streitet sich mit seinem Vorgesetzten über Sinn und Unsinn des neumodischen Fingerabdruckvergleichs, während Töchterchen Flora den ersten Heißluftballon beklatscht. Diese gut recherchierten und geschickt in die Handlung eingeflochtenen Details sorgen für ein farbenfrohes Sittengemälde, das die Vergangenheit so lebendig auferstehen lässt, das man meint, mit Wachtmeister a.D. Braun durch die engen Gassen Frankfurts zu wandern.
Ähnlich wie der Hintergrund ist auch der authentische Mordfall Lichtenstein mit seinen historisch vorgegebenen Verdächtigen glaubwürdig und spannend erzählt. Dass Leser, die keinen der früheren Romane der Autorin gelesen haben, viele Hintergrundinformationen über die Protagonisten erst im Laufe des Romans zusammensuchen muss, tut dem Lesegenuss keinen Abbruch, im Gegenteil, diese doppelte Spurensuche verleiht der Geschichte eine für einen Krimi ungewöhnliche Komplexität, und sorgt dafür, dass die Spannung über die ganzen 750 Seiten erhalten bleibt. Außerdem ist der Roman trotz des früheren Auftretens von Kommissar Biddling und seiner kriminalistisch interessierten Frau in sich geschlossen und dadurch auch für Neueinsteiger geeignet. Und wer schon alles über Richards und Victorias Vorleben weiß, darf sich auf einen brutalen Mord, das reale Vorbild für Sherlock Holmes und die dunkle Vergangenheit des Peter Beck freuen.
Fazit: Spannend und glaubwürdig – ein historischer Roman ohne Hänger oder Anachronismen