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Vier Häuser und eine Sehnsucht PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Sylvia Göthel, am 20-02-2007 15:00
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Vier Haeuser und eine Sehnsucht"An diesem vierten November bin ich zu David gefahren, um ich darüber hinweg zu trösten, dass seine Freundin ihn rausgeschmissen hat. Unterwegs, kurz vor der Kurve von Moza, meldeten sie im Radio, Rabin sei angeschossen worden. Bis ich bei David ankam, war er schon tot. Dann kam die offizielle Verlautbarung und das alles. Wir saßen im Wohnzimmer vor dem Fernseher und schwiegen. David sah entsetzlich aus."

Am diesem vierten November 1995 wird der israelische Ministerpräsident Jizchak Rabin während einer Kundgebung in Tel Aviv niedergeschossen. Wenig später erliegt er seinen Verletzungen und mit ihm stirbt die Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten. Der Friedensprozess wird gestoppt, Anschlagswellen überrollen das Land und eine Stimmung aus Lethargie, Angst und Misstrauen greift um sich.

In eben jener Zeit bewegen sich die sechs Hauptfiguren in dem Roman des israelischen Schriftstellers Eshkol Nevo. Im Schatten der politischen Ereignisse trägt jeder der Protagonisten seine Ängste, Sorgen und Sehnsüchte mit sich herum. Gemeinsam haben sie auf den ersten Blick nur den Ort an dem sie leben: Castel, ein Viertel von Jerusalem, das überwiegend von jüdischen Auswanderern aus den iranischen und irakischen Teil Kurdistans bewohnt wird. Eshkol Nevo entwickelt ein Beziehungsgeflecht aus eben diesen sechs Personen, die zufällig an diesem Ort aufeinander treffen und wieder auseinander gehen.

Im Mittelpunkt steht die nicht ganz unkomplizierte Liebesgeschichte von Amir und Noa, die in Castel ihre erste gemeinsame Wohnung beziehen. Zu Beginn ist ihre Beziehung überwältigend leidenschaftlich. Sie schlafen so oft und so laut miteinander wie es ihnen gefällt, laufen nackt durch die Wohnung und genießen hemmungs- und rücksichtslos ihr Glück. Doch schnell wird dem Leser klar, dass es so nicht weitergehen wird. Beide haben von Beginn an ein mulmiges Gefühl bei soviel räumlicher Nähe. Jeder geht mit diesem Zweifel anders um: Noa flüchtet sich in die Dusche und sucht dort stundenlang die Einsamkeit, Amir, Psychologiestudent, sucht die Nähe psychisch Kranker, die er in seiner Freizeit betreut. Die anfängliche Euphorie und Leidenschaft weicht allmählich der Einzeit: "Zwischen uns gehen nur noch die nötigsten Worte hin und her. Sie erzählt mir nicht mehr ihre kleinen Geschichten von der Arbeit. Ich berichte ihr trocken, dass ich mich im Club habe beurlauben lassen. Sie sagt: Leg mir den Schlüssel hin. Kauf einen Hüttenkäse, fünf Prozent. Ich erinnere sie daran, den Boiler anzumachen. Und wir beide vermeiden es, Sätze in der Futurform zu formulieren."

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Um sie herum gruppiert Eshkol Nevo die anderen Figuren. Das sind zum einen die Vermieter der beiden: Moshe und Sima Sakian, die nur unwesentlich älter als sind als die Studenten, aber ein völlig anderes Leben führen. Moshe und Sima haben jung geheiratet und schnell zwei Kinder bekommen. Moshe ist Busfahrer, Sima Hausfrau. Das Leben der beiden gerät durcheinander, als Moshe sich zunehmend zum streng gläubigen Juden entwickelt, was die lebensfrohe Sima argwöhnisch und ablehnend registriert. Da die beiden Wohnungen nur eine dünne Rigipswand trennt, nimmt vor allen Dingen Sima neidisch am (Liebes-) Leben von Amir und Noa teil und stellt immer öfter ihr eigenes Leben, so wie es bisher verlaufen ist, in Frage.

Und da ist der kleine Jotam, dessen Bruder Gidi als israelischer Soldat im Libanon gefallen ist. Jotam leidet nicht nur unter dem Verlust seines Bruders, sondern vor allem unter der unerträglichen Situation zwischen seinen Eltern: seine Mutter vergräbt sich in ihrem Schmerz, flüchtet sich in die Vergangenheit von Fotoalben, wäscht immer wieder die Wäsche des Toten, um ihn durch das Gefühl des Schrankeinräumens ins Leben zurückzuholen. Der Vater stürzt sich in die Arbeit, um seine Schuldgefühle zu vergessen. Über ihre Trauer vergessen sie sich selbst und ihren kleinen Sohn, für den die Freundschaft mit Amir, der im Haus gegenüber wohnt, zur wichtigsten Stütze wird. Eine weitere Figur in diesem Beziehungsgeflecht ist der arabische Bauarbeiter Ssadeq, der auf einer Baustelle in Castel arbeitet und zufällig in dem Haus, in dem Amir und Noa, Moshe und Sima leben, sein Elternhaus wieder erkennt. Ssadeqs Familie wurde von den Juden enteignet und musste Haus und Hof für die jüdischen Siedler räumen. Keiner der enteigneten Araber hat diesen Verlust je überwunden und es gibt keinen, der nicht von einer Rückkehr träumt. Ssadeqs alte Mutter trägt noch immer den alten, inzwischen ganz rostigen Schlüssel des Hauses um ihren Hals. Die Geschichte um den alten Ssadeq lässt einen erahnen, wie verfahren die Situation im Nahen Osten ist und wie tief die Wunden sind.
Eshkol Nevos Roman ist so dicht und so vielschichtig, über jede der einzelnen Geschichten, die irgendwie nebeneinander herlaufen und sich an manchen Punkten überschneiden, könnte man sich seitenlang auslassen.

Nevo ist ein sehr feinfühliger Erzähler und sehr genauer Beobachter, mit einer wunderschönen, teilweise poetischen Sprache. Er versteht es sehr gut, menschliche Gefühle und Sehnsüchte, aber auch komplizierte zwischenmenschlichen Beziehungen über seine Sprache zu transportieren. Es ist wunderschön, wie er die ganz zaghaft beginnende Freundschaft zwischen Amir und Jotam beschreibt, wie der wiederum das langsame Auseinanderbrechen von Amirs und Noas Beziehung wahrnimmt und wie der alte Ssadeq noch einmal in sein Elternhaus zurückkehrt, um einen Schatz, den seine Mutter bei der Flucht vor den Juden in einem Loch in der Wand zurückgelassen hat, zurückzuerobern.

Eshkol Nevo lässt seine Figuren im ständigen Wechsel zu Wort kommen. Wie in einem Tagebuch, in dem der Leser zum einzigen Zuhörer wird, beschreiben die Figuren das Geschehene aus ihrer Perspektive, in der jeweils ihnen ganz eigenen Sprache. Sie reflektieren die eigenen Gefühle und Gedanken genauso wie das, was um sie herum geschieht. Dass eine Situation durch den ständigen Wechsel der Perspektive aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird und man sich als Leser sein ganz eigenes Bild vom Geschehen machen kann, ist besonders spannend.

Zwischen all die verschiedenen Stimmen schiebt Nevo immer wieder einen unabhängigen Erzähler, der die Figuren und die Handlung kommentiert. Im Gegensatz zu den Figuren, deren Sprache ehrlich und authentisch ist, ist die Stimme des Erzählers eine Kunststimme. Er spricht rhythmisch, überwiegend in fünfhebigen Trochäen und so kommt er einem vor wie der Chor im antiken Theater. Überhaupt wirkt der ganze Roman wie ein Theaterstück. Es beginnt mit einem Prolog und auf der kleinen Bühne Castel, führt Eshkol Nevo geballt das ganze Leben, mit all seinen Tragödien und Komödien vor. Indem er so viele verschiedene Stimmen zu Wort kommen lässt und so viele Geschichten erzählt, hält uns Eshkol Nevo ein jüdisch-arabisches Kaleidoskop vor Augen, das so vibrierend und lebendig ist und neugierig auf mehr macht.

Der etwas zu pathetische Titel mag vielleicht zunächst abschrecken und auch der ständige Wechsel der Erzähler irritierte ein wenig. Aber "Vier Häuser und eine Sehnsucht" ist ein großartiges, wunderschönes und absolut lesenswertes Buch, das jede Leseminute wert ist und dem ich viele viele Leser wünsche.

 


Eshkol Nevo
Vier Häuser und eine Sehnsucht
Dtv Premium
436 Seiten
ISBN 3423245646
Preis: 15,- Euro 

Hier bestellen:

 

 



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Letztes Update: 20-02-2007 15:07

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Eshkol Nevo, Vier Häuser und eine Sehnsucht, 3423245646, Jerusalem, Naher Osten, Palästina
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