Simon Welde wird in ein verlassenes Landhaus ins dänische Dorf Varming gerufen, er soll sich um die Abwicklung des Verkaufs des Hauses kümmern, dessen Besitzer Karnstedt verschwunden ist. Dabei ist Welde weder Immobilienmakler noch Privatdetektiv, sondern nur ein Jugendfreund des Wissenschaftlers Karnstedt. Und er steht dessen Verschwinden genauso ratlos gegenüber wie die anderen Einwohner Varmings
Simon und Karnstedt waren in ihrer Jugend unzertrennlich. Sie verbrachten ihre Nächte in einer Kammer auf dem elterlichen Dachboden, Karnstedt, der Kahlkopf, dem durch eine Laune der Natur am ganzen Körper kein Haar wuchs, und Simon, der versteinerte Ammoniten sammelte, zwei verbündete Außenseiter. Karnstedt verhalf Simon zu einer Ausstellung seiner Versteinerungssammlung im Museum und zu einer Affäre mit der Museumsassistentin, die ihrerseits auch eine Beziehung zu einem weiteren Mitschüler unterhält, eine Affäre, die schwerwiegende Ereignisse ins Rollen brachte.
Das sind die Erinnerungen, die in Simon Welde hochkommen, während er versucht, den Nachlass seines einstigen Jugendfreundes zu sortieren, sich mit dem Makler und einigen Kaufinteressierten herumschlägt und eigentlich längst Dänemark wieder verlassen haben will. Doch Karnstedt, der die Haarlosigkeit als Vervollkommnung der Loslösung des Menschen von seiner Abstammung vom Affen betrachtete, der besessen war von der Geschichte eines Auswandererschiffes, an der er sein Leben lang geforscht hatte, lässt seinen einstigen Freund auch nach seinem Verschwinden nicht so einfach gehen. Es scheint, als sei hier noch eine Rechnung offen – Unausgesprochenes, Unverarbeitetes schwebt wie ein Damoklesschwert über dem ratlosen Simon.
Anzeige Der ganze Roman „Karnstedt verschwindet“ lebt vom Angedeuteten, vom Vagen, vom im-Dunkeln-gelassenen. Häussers Sätze sind wie der Strahl der Taschenlampe, der über die staubige Ansammlung von Gegenständen, Geschehnissen und Gedanken der Vergangenheit huscht und selten auf ihnen verharrt, vielmehr große, dunkle Schatten beschwört. Häusser zelebriert das Geheimnis, das Unausgesprochene.
Das Buch ist geprägt von einer düsteren, schweren Stimmung. In knappen, nahezu sterilen Sätzen springt Häusser zwischen Vergangenheit und Gegenwart, beschreibt, fast ohne zu kommentieren, nüchtern, beinahe wissenschaftlich. Geschehnisse werden aneinandergereiht, nur selten schweift der Blick des Autors in das Innenleben der Figuren – aber dennoch bleibt der Roman nicht gefühlsarm. Der Autor verwendet keine Schockeffekte, fast nur leise Töne und subtile Bilder, zur Schaffung der beklemmenden Athmosphäre. Karnstedt verschwindet ist ein starkes Buch, weil es effektvoll ist, ohne effekthascherisch zu sein.