In jeder literaturwissenschaftlichen Motivsammlung sollten sie aufgeführt sein: Blumen, die zu einem bestimmten Datum überreicht oder niedergelegt werden, verhängnisvolle Geheimnisse symbolisieren und den Wunsch nach Aufklärung auslösen: In Stefan Zweigs „Brief einer Unbekannten“ beispielsweise sind es weiße Rosen, die die Schreiberin ihrem einstigen Liebhaber stets zum Geburtstag schickt ? obwohl dieser sich nicht an sie erinnert und nichts vom gemeinsamen Sohn weiß. Zum gleichen Anlass verschickt „Der Geliebte der Mutter“ von Urs Widmer Jahr für Jahr eine Orchidee: Geschenk eines egozentrischen Mannes, der die ihn ein Leben lang anbetende Frau genau so lange nicht wahrnimmt.
Ein aus nicht näher bezeichneten Blumen zusammengestellter Strauß mit Schleife ist es, der in Urs Faes‘ jetzt erschienenem „Liebesarchiv“ die Mutter des Ich-Erzählers Thomas verärgert und Letzteren neugierig macht: Immer zum Todestag seines Vaters liegt solch ein Gebinde auf dessen Grab. Während einer von Thomas Lesungen offenbart sich schließlich eine gewisse Anna Altmann nicht nur als die Blumenspenderin, sondern auch als Geliebte des Verstorbenen. Damit weckt sie in dem erwachsenen Mann unangenehme Kindheitserinnerungen: Monatelang hatte der Vater in den 1950ern die Familie verlassen. So recht glaubte bereits damals keiner, dass er beim Bergsteigen sei; nach mehr als vier Jahrzehnten steht endlich fest, dass er im Tal bei einer anderen Frau weilte.
Anzeige Zu Annas Lebzeiten sträubt sich Thomas Näheres über das Verhältnis zu erfahren. Nach ihrem Tod versucht er dieses gemeinsam mit deren Tochter Vera wenigstens ansatzweise zu verstehen. Dabei helfen soll ein so genanntes Liebesarchiv aus Briefen, Fotos und Kleidungsstücken des Paars. Schwierig ist die Rekonstruktion dieser verheimlichten Vergangenheit nicht nur aufgrund der familiären Kommunikation („Das Schweigen dauerte und deckte alles zu.“), sondern auch weil der Sohn nicht akzeptieren kann, dass der ihm mürrisch und wortkarg begegnende Vater ein zweites Leben führte, in dem er als lebensfroh und gütig erlebt wurde.
Was im Buch des Schweizers an Titel von Zweig, besonders aber an die seiner Landsleute Widmer und Thomas Hürlimann erinnert, ist das Aufrollen von Familiengeschichte unter Berücksichtigung der historischen und gesellschaftlichen Begebenheiten: eine Thematik, zu der es nie genügend geschickt variierte Beiträge geben kann. Gemeinsam haben die Helveten auch die intertextuellen Bezüge in ihrem jeweiligen Werk. So wird im „Liebesarchiv“ nahe gelegt, Thomas‘ Mutter habe ebenfalls einen Geliebten gehabt. Von jenem ist bereits in „Sommerwende“ die Rede.
Was ihn jedoch grundlegend von seinen Kollegen unterscheidet, ist vor allem Faes‘ Erzählhaltung. Während die Kollegen in auktorialer Manier allwissend jeden Vorfall und jede Emotion schildern, scheut er sich nicht, Gewissheiten durch Vermutungen zu ergänzen: An mehreren Stellen sinniert er darüber, wie Geschehnisse und Gespräche gewesen sein könnten, weil er nicht weiß und auch nicht mehr erfahren kann, wie sie tatsächlich gewesen sind.
Diese Vagheit ist aber keine Schwäche, sondern die Stärke des Buchs: Sie verleiht dem fiktiven, wenn auch autobiografisch inspirierten Stoff, Glaubwürdigkeit; macht insbesondere die quälende Vergangenheitssuche des Protagonisten nachvollziehbar. Auch Thomas‘ Erschrecken, als er feststellt, dass sein eigenes Liebesleben dem der Eltern ähnelt, ist eher dunkle Befürchtung als absolute Identifikation. Dieses Bekenntnis zum Unergründlichen spiegelt sich auch in der sparsamen Beschreibung des Liebesarchivs: Gegenstände, die die Existenz zweier Menschen und ihrer Liaison belegen ohne endgültigen Aufschluss über sie zu gewähren. Über diese Ungewissheiten verschafft sich der Schriftsteller Faes viel Raum zur Reflexion: Essayistische Passagen, in denen Thomas vor Studenten über Identität referiert, sind tiefgehende Grübeleien, die manchmal in Sätze lyrischer und gleichzeitig poetologischer Güte kulminieren: „Ist nicht alles Erinnerte ein später Erzähltes?“Alexandra Kournioti
Ein geschickt variierter Roman über Familiengeheimnisse und den Zwangszusammenhang der Generationen.