In keinem Lexikon ist der Lügner von Umbrien erwähnt. In Historiendarstellungen aus der Zeit der Renaissance sucht man vergeblich nach ihm und kein Sittengemälde jener Zeit würdigt ihn auch nur eines Satzes. Manche andere illustre Persönlichkeit, der Tod von Lorenzo von Medici und historische Fakten entsprechen nicht wirklich den Tatsachen, sondern entspringen einer durchaus blühenden Fantasie.
Doch gleichwohl hat der "Lügner von Umbrien " von dem dänischen Autor Bjarne Reuter das Zeug zu einem spannenden Historienroman. Alle Ingredienzien, die Lust am Lesen schüren und auch über gut 500 Seiten am Kochen halten, sind zu einer ganz interessanten Geschichte mit kleinen Schönheitsfehlern verwoben.
Als "Lügner von Umbrien" wird Giuseppe Pagamino bezeichnet, ein bereits betagter Mann, der durch die Lande zieht, um den Menschen Wässerchen und Tinkturen zur Heilung mancherlei Gebrechen zu verabreichen. Das ist seine gute Seite, doch andererseits raubt er vor allem Gräber aus, um mit der Beute an Ringen oder Broschen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er hieße also besser der Grabräuber von Umbrien, denn seine Lügen sind vergleichsweise klein und selten. In Florenz, das bei seiner Ankunft durch eine Pestepidemie nahezu menschenleer ist, hat er dagegen fette Beute in den Gruften und Gräbern. Er findet nicht nur Schmuck, sondern auch einen gehorsamen und gelehrigen Jungen, den er mit sich nimmt. Pagamino ist auf der Suche nach einer Essenz, von der ihm auf seinen Reisen durch den Orient zugetragen wurde, sie verleihe das ewige Leben. Die nötigen Pülverchen hat er bereits beisammen, bis auf die letzte Zutat, ein Stück des Fingernagels vom Satan höchst persönlich. Der ist in der Glaubenswelt der damaligen Zeit zwar durchaus allgegenwärtig, gleichwohl aber nicht leicht zu finden und seiner Nägel zu berauben.
Pagamino versucht sein Glück in Lucca, denn dort werden eine als Hexe verteufelte Frau samt ihrem Kind gefangen gehalten, ehe sie auf dem Scheiterhaufen ihr Leben lassen müssen. Pagamino dringt zwar zu dem Kind in den Kerker vor, doch danach ist er selbst gefangen, denn sowohl der Henker del Sarto und auch der Bischof sind ihm auf den Fersen. Angesichts seines Gewerbes und einer gehörigen Portion Naivität muss er viel Unbill ertragen, wird eingekerkert, verliert seinen zeitweiligen Gefährten und Schüler und flieht schließlich unter abenteuerlichen Umständen aus der Gefangenschaft. Die Macht und das Einflussgebiets des Henkers aber reichen weit, nirgends ist Pagamino sicher, selbst dann nicht, als er sich als Franziskanerbruder ausgibt und in Klöstern Schutz sucht. Sein Gegner, der grausame Henker, findet schließlich bei einem Erdbeben den Tod, doch noch gibt der Bischof nicht Ruhe. Auch der alte kranke Mann Pagamino entgeht seinem Schicksal nicht, er muss sterben, trotz seiner Wässerchen und Salben. Schließlich siegt wie immer das Gute über das Böse, die Moral von der Geschicht ist einfach und liegt auf der Hand. Wer Gräber ausraubt und dem Teufel auf der Spur ist, der nimmt kein gutes Ende.
Es liegt sicher Bjarne Reuters Erzählstil und einer guten Übersetzung (von Knut Krüger) zu danken, der Fähigkeit des Autors, Spannung zu erzeugen und die Figuren lebendig zu charakterisieren, dass die Geschichte voller Mord und Totschlag, Intrigen und Not, Pest und Cholera, melancholischer Soldaten und blutrünstiger Bischöfe nicht ins zu Banale und Langweilige abdriftet. Der etwas antiquiert anmutende Stil der Dialoge, die Einführung eines alter ego von Pagamino, das ihm immer wieder die Leviten ließt, wenn er gar zu frevelhaft wird, machen das Buch angenehm lesbar.
Gut verzichtbar wäre das Schlusskapitel, das uns plötzlich nach Kuba zu heutiger Zeit entführt und wo wir von einem Forscher erfahren, der für die Menschheit nur Gutes will, doch leider verkannt wird und fliehen muss. So kommt zu guter Letzt also nochmals die Moral in geballter Form, die Welt ist einfach schlecht, sie war es früher, sie ist es heute und daran wird auch ein 500 Seiten Roman in unterhaltsamer Form nichts ändern können. Schade!
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Bjarne
Reuter Der Lügner von Umbrien (Originaltitel: Lognhalsen fra Umbrien) Aus dem Dänischen von Knut
Krüger Heyne Verlag 512
Seiten, EUR 21,90 ISBN 3-453-01206-2