Ein grausiger Mord steht am Anfang dieses im weiteren Verlauf eigentlich sehr beschaulichen Thrillers. Ein alter Lehrer stirbt gefesselt im Feuermehr seines selbst in Brand gesteckten Wohnhauses. Bedächtig und mühsam entwickeln sich die Ermittlungen des Kriminalistenpaares Erlendur und Sigurður Óli nach der Vergangenheit des toten Lehrers. Vermutungen, versteckte Behauptungen und schweigende Kollegien machen die Suche nach Ursachen, Gründen, Motiven mühsam.
Der zur fast gleichen Zeit in den Selbstmord gestürzte Insasse einer psychiatrischen Klinik, Daniel scheint zunächst ein ganz eigener Fall zu sein. Erst sein höchst verunsicherter Bruder Pálmi stellt eine Verbindung her, nachdem er erfuhr, dass der alte Lehrer in den letzten Wochen mehrmals seinen aus dem Fenster gesprungenen Bruder besuchte.
Als aufkommt, dass Lehrer Halldór offensichtlich einige pädophile Übergriffe auf Schüler vornahm, scheint die Geschichte klar. Das lähmt auch etwas den Spannungsbogen. Zu eindeutig und einfach wirkt alles und auch die sich ergänzend ergebenden Erinnerungen verschiedener Mitwissender lassen wenig Raum für andere Erklärungsmodelle. Erst als man erfährt, dass nahezu alle Schüler einer bestimmten Sonderklasse inzwischen verstorben sind, erahnt man etwas komplexere Hintergründe. Die zu damaliger Zeit merkwürdige Verabreichung von Lebertranpillen an die Klasse des ermordeten Halldórs verwundert dann doch und schon scheint es doch augenfällig, wer vermutlich hinter den mysteriösen Todesfällen steckt.
Aber auch das sorgt nur bedingt für die Aufklärung, denn gegen Ende des Romans bekommt er einen gänzlich unerwarteten und auch bizarr anmutenden Schub, der leider etwas oberflächlich und plötzlich daherkommt. Das sich durch die neue Wendung entwickelnde Ende wirkt etwas zu krass aufgesetzt und nur gering glaubwürdig. Irgendwie passt es nicht mehr so ganz zum Duktus der bisherigen Geschiche, wenngleich es ein denkbarer Aspekt wäre. Doch das hätte eine detailliertere Recherche und einen weniger schlichten Aufbau nötig gemacht. Das tatsächliche Ende wirkt harmlos, ist es jedoch in keiner Weise, da es keine Position zu dem Geschehen bezieht. Diese ethische Selbstbewertung wollte der Autor aber möglicherweise provozieren.
Die Protagonisten von „Menschensöhne“ sind ausgeprochen differenziert charakterisiert. Treffend erfasst er insbesondere die Gefühle und Sehnsüchte der beiden Brüder, den schizophrenen im entrückten Zukunftswahn und den anderen im depressiven Selbstzweifel und selbstbedauernden Schuldgefühl. Es scheint aber auch ein präziser Einblick in die Lebenswirklichkeit der anderen Menschen auf der nordatlantischen Insel zu sein, eine Beschreibung der Melancholie eines Landes voller Zukunftshoffnung und –ernüchterung. Es ist ein düsterer, wolkenverhangener Roman ohne jeglichen Freudensausdruck, traurig, still und in gewisser Weise hilflos.
Trotz aller Langsamkeit ist das erst jetzt veröffentlichte Erstlingswerk des sehr erfolgreichen Autors ein ausreichend spannender Roman über das inzwischen schon mehrfach aktiv gewesene und interessant kombinierte Ermittlerduo, welches die anfallenden Aufgaben angeht und in auf beschauliche aber erfolgreiche Weise löst.