„Über Rosen lässt sich dichten, in die Äpfel muss man beißen“
Warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, Antonius Anthus’ „Vorlesungen über die Esskunst“ zur Pflichtlektüre zu erheben- zumindest für diejenigen, die sich in Restaurants, bei Buffets und vor allem in den immer beliebteren all-inclusive-Hotels breit machen und sich fast rund um die Uhr den Bauch voll schlagen. Nach der intensiven Beschäftigung mit den erbaulichen Texten wüssten sie hoffentlich, dass von dem, „was man einmal der Schüssel oder dem Präsentierteller entnommen und auf seinen eigenen Teller gebracht, niemals etwas auf jenen zurückgebracht werden darf- auch nichts ohne Not in den Mund zu nehmen sei, was man wieder heraustun muss.“
Das wäre ein Gewinn für alle Beteiligten. Vielleicht zu schön, um wahr zu sein. Mit Antonius Anthus hielte wahrlich Tischkultur und gepflegtes Essen Einzug an den Tafeln, das Schlingen und Mampfen hätte ein Ende, keiner würde mehr mit triefenden Dönern herumkleckern und diese merkwürdigen Wickel mit zwei Riesenbissen verschlingen. Endlich käme der gepflegte Genuss zu seinem Recht, der sehr viel mehr ist als das pure Stillen des Hungergefühls.
Der Verfasser dieser wunderbaren Erbauung heißt eigentlich Gustav B. Blumröder und wurde am 27. Juni 1802 in Nürnberg geboren. Er war ein vielseitig begabter und interessierter Mann, arbeitete als Mediziner und Gelehrter und zog als Abgeordneter 1848 in die Reichsversammlung und das Rumpfparlament in Stuttgart ein. Er war ein Genießer, ein Ästhet und „ fand sich bewogen, nachdem so viel geschrieben war, was gegessen werden sollte, nun endlich seine Gedanken darüber zu veröffentlichen, wie gegessen werden sollte.« Im Jahr 1838 erschienen die zu einem Buch zusammengefassten Vorlesungen von Antonius Anthus, und damit war das erste Buch über die Esskunst überhaupt veröffentlicht. Gutes Benehmen, Tischgespräche, der Umgang mit dem Trinken, kleine Reime und Gedanken über die Zusammenhänge zwischen gutem Essen und hoher Kunst hat Anthus zu einem gelehrten, aber auch sehr unterhaltsamen und witzigen Werk mit vielerlei originellen Gedanken zusammengefasst. Er schreibt durchgängig aus der Perspektive des Essers. Rezepte zur Verfeinerung der Speisen interessieren ihn nicht: Er will am Tisch Manieren als Grundlage für ein köstliches Mahl gegenwärtig wissen. Er serviert also Nachrichten aus der Welt des erlesenen Geschmacks und Betrachtungen über den Kosmos der verfeinerten Genüsse. Je virtuoser der Mensch zu essen versteht, desto besser wird das Gericht; je mehr man von allem zu essen versucht, desto reicher wird die eigene Welt - und man selbst- heißt eine der zentralen Botschaften seiner Schriften.
Anzeige Ein Glücksfall für die Feinschmecker. Der Autor erteilt Elementarunterricht. Auch das Trinken kommt nicht zu kurz und wer gerne gut isst und sich ebenso an Literatur delektieren kann, der wird hier reichlich gesättigt, ohne der Gefräßigkeit frönen zu müssen. Ob es über den Reputationsbissen oder um die Ingredienzien einiger Gerichte geht- das Buch ist eine Köstlichkeit, die zwar keinen wirklichen Hunger stillt, aber die Lust am Genuss zu steigern versteht. Die Aufmachung des Buches mit Vignetten ist dazu ein Augenschmaus.
Herausgegeben wurden die Texte in der für schöne Bücher verpflichteten Anderen Bibliothek von Alain Claude Sulzer, auch er ein Kenner der feinen Küche, gemeinsam mit Eckhard Witzigmann und Heinz Winkler hat er die kulinarischen Anthologien "Das literarische Menü" herausgegeben.
Antonius Anthus Vorlesungen über die Esskunst Illustriert von Stephan Jon Tramer
Herausgegeben von Alain Claude Sulzer
Die andere Bibliothek
Eichborn Verlag
Stoffklappengebunden
ISBN: 3821845783
Preis: 28,50 Euro