Der Tonsatz ist die Lehre von der musikalischen Komposition, ein Tonsetzer also ein Komponist.
Ein Buch mit diesem Titel, im historischen Hannover des 19. Jahrhunderts angesiedelt, vermag Neugier zu wecken.
Wird da ein Komponistenleben nach dem Muster der unterhaltsamen Lektüre, die im historischen Gewand daher kommt und eine zurückliegende Epoche mit stimmungsvollem Dekor beleuchtet, ausgebreitet, ein Gerüst starrer Fakten mit Leben erfüllt?
Zu schön um wahr zu sein, denn das, was der Autor Rainer Cordts hier zusammenfabuliert, ist ein krudes Sammelsurium aus Kitsch und Worthülsen, das verstimmt, wie falsch gespielte Etüden. Ein schaler Abklatsch einer Episode aus der Gartenlaube, wenig überzeugendes historisches Ambiente und durchsichtige Verschränkungen der Erzählstränge machen die Lektüre mühsam wie eintönige Fingerübungen.
Im Mittelpunkt dieses merkwürdigen Personenreigens steht Anna, die als Hausmädchen bei einem verkannten Komponisten arbeitet. Natürlich versucht er, ihr den Hof zu machen, aber vergeblich. Schließlich ist er grobschlächtig, oft ungewaschen, trotzig wie ein Kind. Meist malträtiert er die Tasten seines Klaviers zum Gotterbarmen, wirft sich mit der ganzen Wucht seines Körpers ins Zeug, schwitzt, hampelt und man ahnt schon bei den ersten Worten über diesen stets angetrunkenen Unglückswurm, dass aus dem nichts werden kann.
Anzeige Da hat Roland Hauser, ein eher schüchterner aber begabter Instrumentenbauer, bei dem hübschen Hausmädchen Anna eher Chancen. Glücklicherweise wohnt er gleich gegenüber ihrer Arbeitsstelle und kann ihr Kommen und Gehen also unter Kontrolle halten. Allerdings hat er eine psychisch schwerkranke Mutter, die ihm in einem Augenblick von Klarheit das erste Rendezvous mit Anna vermasselt. Auch später begreift die Mutter nicht, ob Anna die gute oder die böse Schwiegertochter ist. Außer Hauser hat auch dessen Freund, Sohn des Musikverlegers, ein Auge auf Anna geworfen, hat ihm Rennen um ihre Gunst aber keine Aussicht auf Erfolg, da er gehbehindert ist.
Auch ein verschrobener Polizist im Ruhestand bevölkert diese Geschichte, die nach dem schlichten Strickmuster der Loreromane gefertigt zu sein scheint. Der Polizist verbrennt heimlich Hunde und Schweine, um daraus Erkenntnisse zu ziehen, die ihm helfen sollen, längst vergangene Kriminalfälle aufzuklären. Natürlich ist er unverstanden von der Ehefrau, aber er kann seinen Sohn als Komplizen für diesen abstrusen Wahn gewinnen. Irgendwann schlendert auch der junge Johannes Brahms durch die Zeilen dieses Machwerks, beweist mit seinem fein ziselierten Klavierspiel nicht nur seine Genialität, sondern führt dem verkrachten dicken Möchtegernkomponisten auch dessen Mittelmäßigkeit vor Augen, was bei dem weitere Saufnächte nach sich zieht.
Ach ja, man hätte Johannes Brahms eine ansprechendere Geschichte, eine weniger verkitschte Sprache, ein besseres Buch gewünscht, um darin aufzutreten.
Damit des Guten in so einer Geschichte nicht zu viel wird und weil Licht und Schatten eng beisammen liegen, Liebe sich auf Trieb und Herz auf Schmerz reimt, weil alles also irgend eine Dramatik braucht, erleidet Annas Galan auf der Reise nach Leipzig einen schweren Unfall, verliert teilweise oder gänzlich sein Gedächtnis und wird ebenso wie seine manisch-depressive Mutter in der Psychiatrie betreut. Da muss Anna ganz stark sein, sich um das gemeinsame Kind kümmern und der Pianist kann wieder heftig in die Tasten hauen bei so viel Schicksalsschlägen.
In einem Interview hat der Autor Rainer Cordts erklärt, er habe dem Journalismus den Rücken gekehrt, weil er die engen Raster sprengen und seine Freude am Fabulieren einmal richtig ausleben wollte. Schade eigentlich. Und er bekennt, beim Schreiben zugleich sein erster neugieriger und sehr kritischer Leser zu sein. Das scheint er beim „Tonsetzer“ dummerweise vergessen zu haben.