Packende Kriminalgeschichte im Umfeld des genialen Rembrandt : Die Farbe Blau
Gleich vorweg: mit dem realen Rembrandt an sich haben die erdachten Geschehnisse im niederländischen Amsterdam des 17. Jahrhunderts tatsächlich wenig zu tun, denkbar sind es jedoch.
Sprachlich einfach und stilistisch einwandfrei zieht einen der Autor Jörg Kastner schnell in das Geschehen hinein, so als kennte man den jungen Protagonisten, Maler Cornelis Suythof schon lange. Wie bei Malern üblich arbeitet auch dieser neben der Malerei in einem Nebenjob, ungewöhnlicherweise als Gefängniswärter. Wie er allgemein so lebt, welche Lebensziele und Vorstellungen er hat – all das ist einem schon bald geläufig.
Als zunächst grausame Morde geschehen und der Täter sich selbst ebenso schaurig selbst tötet und schließlich Suythofs Onkel als Verdächtiger eines weiteren Mordfalles Insasse der düsteren Kammern im Rasphuis wird, beginnt die aberwitzige und spannende Recherche des Wahrheit suchenden Malers. Eine besondere Merkwürdigkeit nämlich lässt ihm keine Ruhe: bei den Todesfällen spielte ein im rembrandtschen Stil gemaltes Bild in einem eigentümlichen Blau gehalten eine offensichtlich entscheidende Rolle. Welche, das will der spontan sich dazu selbst verpflichtete Freizeitdetektiv herausfinden.
Eben erst seiner bisherigen Unterkunft verlustig gegangen, findet als Schüler Rembrandts Unterschlupf in dessen Haus und freundet sich mit der Tochter des inzwischen alten Mannes an. Seine Recherchen im kaufmännischen und künstlerischen Milieu der alten Handelsstadt lassen verschiedene Spuren zutage treten, die zunächst keine erkennbaren Zusammenhänge mit den Morden und Selbstmorden darstellen. Meisterhaft entwickelt der Autor Nebenschauplätze oder Ablenkungen, wie beispielsweise den pikanten Malauftrag für Aktportraits von Damen besten Standes.
In außergewöhnlicher Realitätsdichte beteiligt der Autor die Leserinnen und Leser am Geschehen. Man ermittelt letztlich selbst, sammelt Fakten und Erkenntnisse, fügt Spuren zu einem Erklärungsmodell zusammen. Das macht bei aller Spannung und auch Unsicherheit, welche üblen Machenschaften sich hinter dem Irrsinn der Geschehnisse auch verstecken mögen, aufregenden Spaß.
Anzeige Die Verflechtung angesehener Bürgerinnen und Bürger, aber auch der Liebchen des Malerjünglings würzen angenehm delikat die Geschichte. Bereichernd, wenngleich nicht unbedingt historisch wahr, beleuchtet der fantasievolle Autor Leben und Werk Rembrandt van Rijns. Mysteriöse Geheimnisse im Zusammenhang mit den Todesfällen, einem Anschlag auf ein großes Handelshaus sowie dem mysteriösen Verschwinden und vermeintlichen Wiederauftauchen des verstorbenen Rembrandt-Sohnes Titus führen den ungelernten Kriminalisten, aber auch die offizielle Strafverfolgungsmacht der Stadt Amsterdam zu einer religiösen Geheimverbindung.
Eine hoch interessante und das Niveau der Geschichte weiter anhebende Wendung. Jörg Kastner hat in ausgezeichneter Weise Spannung tragende und aufbauende Elemente geschickt miteinander verwoben. Seine offensichtlich gute Recherche über die Gestalt und Stimmung der niederländischen Stadt in deren so genanntem "Goldenen Zeitalter" sorgt für eine scheinbar authentische Handlung. Die gelungene Mischung aus Historie, Mystik, Liebesgeschichte und Detektivroman lebt von der unbedarften und engagierten Vorgehensweise Suythofs, dem nicht selten der Zufall einen Bärendienst erweist und sich Probleme in Wohlgefallen auflösen.
"Die Farbe Blau" ist es ein makelloser, atmosphärisch dichter Lesegenuss. Einmal begonnen, will man sich Kapitel um Kapitel ohne Unterbrechung einverleiben. Ein gutes Zeichen für einen gelungenen Roman.