Nein, es ist kein Roman über die Generation Golf. Es ist kein Roman über die letzte Generation, die sich noch einen gut bezahlten Job sichern konnte. Über die, die gerade noch auf den Zug einer sicheren Existenz aufgesprungen sind, die ein schönes, sorgenfreies Leben vor sich haben, ein kleines Haus mit Garten und sich wochenends mit Theaterbesuchen und anderen Kunstveranstaltungen selbst vergewissern, dass sie gerade noch dazu gehören. Dazugehören zu der bürgerlichen Mittelschicht ihrer Eltern, die alles haben und nicht zu den Dauerpraktikanten und Jammerlappen der nachfolgenden Jahrgänge. Sie können noch beherzt aufatmen und sagen: Glück gehabt! Nein, um sie geht es hier nicht.
Katharina Hackers Roman „Die Habenichtse“ kreist um die beiden Hauptcharaktere, Jakob und Isabelle, die sich noch aus ihrer gemeinsamen Studienzeit kennen, dann aber aus den Augen verloren und nach Jahren auf einer Party in Berlin wiedertreffen. Kurze Zeit nach ihrem Wiedersehen heiraten die beiden, ziehen in eine gemeinsame Wohnung. Jakob, inzwischen Anwalt für Reparationsfragen tritt wenig später einen neuen Posten in einer Londoner Kanzlei an, Isabelle zieht ihm nach und arbeitet dort weiter für ihre Berliner Grafikagentur. Es sieht aus, als hätten sie alles, was man sich wünschen könnte.
Das Auge des Sturms
Anzeige Die beiden bilden das Zentrum des Romans, quasi das Auge des Sturms, in dem das Leben stillsteht. Jakob und Isabelle, scheinbar auf der Sonnenseite des Lebens, können nichts mit diesem Glück anfangen. Sie haben keine Sehnsüchte und Leidenschaften, für die sie kämpfen könnten und selbst wenn, wüssten sie nicht wie. Ihnen ist bisher nichts Schlimmes passiert, niemand begegnet, der sich zwischen sie und ihre Wünsche gestellt, ihnen die Schattenseite des Lebens gezeigt hätte. So treiben sie in ihrer vermeintlichen Idylle dahin. „Zum ersten Mal war Isabelle nicht sicher, ob sie Lust dazu hatte, Pläne zu machen, jeder Wunsch schien in Erfüllung zu gehen, und doch fehlte etwas.“ Die Pläne, wenn auch die kurzfristigen, kommen von außen, von Jakobs Kollegen Alistair, der sie mit ins Theater und in Pubs nimmt, ihnen unbewusst gemeinsame Nähe schenkt, die sie sich selbst nicht geben.
Um die beiden herum tobt der Sturm der glücklosen Randfiguren, derer, die für ihr Wohl kämpfen, weil sie selbst noch Ziele haben. Da ist Jim, ein hübscher, aber hasserfüllter Kleindealer, der sich nach seiner vermissten Freundin Mae sehnt und so gerne das hätte, wofür Isabelle und Jakob stehen. Und da sind der Teenager Dave und seine kleine Schwester Sara, die von ihrem Vater misshandelt werden und die, jeder auf seine Weise, versuchen ihrem Martyrium zu entfliehen. Sie alle treffen sich in der Lady Margaret Road, in die auch Jakob und Isabelle ziehen. Schleichend treten diese drei in das Leben der beiden und bringen den Sturm direkt in deren Leere, stanzen so durch die eigenen Sehnsüchte die Bedeutungs- und Teilnahmslosigkeit von Isabelles und Jakobs Leben aus der Geschichte heraus.
Warten auf den Knall
Über all dem schwebt, leise aber erinnernd, die Terrorgefahr nach den Anschlägen des 11. Septembers, die Zeit, in die Hacker ihre Geschichte platziert. Nicht als akute greifbare Bedrohung, sondern als zerstörerische Erlösung des Wartens, als Fixierung des Provisorischen. Jeder wartet und weiß, dass etwas passiert und schafft sich seine eigene Sicherheit. Isabelle durch Notfallpakete, die sie unter das Bett legt, Jakob durch Einreden, weil er ahnt, dass das Warten auf den bevorstehenden Knall, ein Symbol für das eigene Leben ist. „Aber es war genug Zeit. Die Bedrohung war noch eine Maskerade, wie Bush auf seinem Kriegsschiff, wie das Ende des Krieges, wollte er Isabelle sagen, etwas, woran wir uns erinnern werden, als wäre es irreal und geschmacklos, aber irgendwann wird das Wirklichkeit werden und uns bedrohen.“
Katharina Hacker hat sich mit „Die Habenichtse“ keine große Geschichte ausgedacht, sondern eine, deren Handlung eher schlicht, fast schon alltäglich ist. Doch diese Schlichtheit umwebt sie mit ihrer großartigen Erzählkunst. Mit unglaublicher Sicherheit wählt sie ihre Worte, findet stets den passenden Platz für diese. Sie wechselt spielerisch gleitend die Perspektive und lässt so die Figuren sich selbst erzählen. Es sind die kleinen Beobachtungen, aus denen Hackers Erzählung ihre Kraft schöpft. Mit der Achtsamkeit auf die winzigen Details, die das Leben ausmachen, schafft sie eine stimmige, fast schon beklemmende Atmosphäre, deren Glaubwürdigkeit die Geschichte wie von selbst trägt. „Die Regentropfen waren zu langen Streifen zusammengelaufen, die Streifen angeschwollen, sie hatten Ausbuchtungen, dicke Knoten gebildet, die platzten und auseinanderrannen, in dünnen, hastigen Fäden, deren Spitzen giftig aussahen, doch das täuschte, denn meist wurden sie von einem breiteren, viel langsameren Rinnsal geschluckt, unfähig, sich in Sicherheit zu bringen.“
Nein, Katharina Hacker hat mit ihren „Habenichtsen“ kein Porträt einer vermeintlich glücklichen Generation, ihrer Generation, gezeichnet. Dass die Lebenssituation der Protagonisten Parallelen zu der anderer Mittdreißiger aufweist, darf nicht zu der Annahme verleiten, hier werde die symbolische Geschichte einer ganzen Generation erzählt. Soweit will Hacker wohl nicht gehen, stellt sie doch an keiner Stelle die Frage, wie man diese Sinnleere füllen könnte, geschweige denn, dass sie eine Antwort geben oder auch nur den moralisierenden Zeigefinger heben würde. Vielmehr lässt sie den Leser alleine. Er soll sich selbst die Fragen und Antworten suchen. Diese Einsamkeit, Hand in Hand mit der sprachlichen Detailliebe, ist das Wunderbare an diesem Roman. Sie tut gut.