Aus einer Irrenanstalt bricht eine Frau aus. Sie hat einmal einen Mann gehabt, das weiß sie noch. Der Rest ist in den Schatten der Vergangenheit verloren. Die Frau heißt Kristina Tacker, Ehefrau des Seevermessers Lars Tobiasson-Swartman, und sie ist wahnsinnig. Sie ist zerbrochen an der Vergangenheit, anders als die Witwe Sara, die schon einmal einen toten Mann aus dem Meer gefischt hat.
Der Seevermesser Lars Tobiasson-Swartman ist ein stiller zurückhaltender Mann, der nur für seine Arbeit lebt. Vom tobenden ersten Weltkrieg bekommt er nicht viel mit. Er liebt auch seine Frau Kristina, jedenfalls glaubt er das, bis er auf einer einsamen Schäre die allein lebende Witwe Sara trifft. Sie setzt Gefühle in ihm frei, von deren Existenz er bislang keine Ahnung gehabt hatte. Bald verstrickt er sich in ein Lügengewebe, das in dem imaginären Tod seiner Frau und seiner – noch ungeborenen – Tochter Laura endet. Als eines Tages ein deutscher Deserteur in die Idylle platzt, gerät Lars mühsam aufgestautes Gefühlsleben außer Kontrolle.
Während des Doppellebens, das Lars von nun an führt, wird ihm eines immer deutlicher: Er gehört zu Sara. Als er seinen Beruf verliert, sagt er seiner inzwischen schwangeren Frau nichts davon sondern kehrt zu Sara in die Einsamkeit zurück, um die Geburt seiner anderen Tochter zu erleben, die seiner Geliebten. Doch das Glück ist nicht von Dauer, denn Kristina hat herausgefunden, wo ihr verschwundener Ehemann sich aufhält. Eine Konfrontation der beiden Frauen ist unausweichlich.
Henning Mankells neuester Roman entführt den Leser in eine triste Zeit; es herrscht Krieg, doch noch finsterer ist das Innenleben des Protagonisten, des Seevermessers Lars, der am Ende erkennen muss, dass er falsch gehandelt hat, indem er immer nur die Entfernung suchte, nie die Nähe. Es ist die Reise in die Seelenlandschaft eines zwanghaft unterdrückten Mannes, in dem Kräfte schlummern, die er nicht kontrollieren kann. Obwohl er in immer düsterere Gewaltphantasien verfällt, diese auch auslebt, fällt es beinahe schwer, von dem traumwandlerischen, getriebenen Mann als Mörder zu denken. Und so geht es auch nicht um Mörderjagd wie in Mankells früheren Schweden-Romanen.
Seinen psychologischen Reiz bezieht Tiefe vor allem aus dem Zwiespalt zwischen wilder Leidenschaft und seelischer Verkümmertheit, die den Protagonisten auszeichnet. Korrespondierend dazu wählt Mankell eine Sprache, die noch spröder ist, als man es von ihm gewohnt ist. Hier wirkt das Grauen durch die Verknappung. Kurze Kapitel und herbe Worte beschreiben ein Schicksal von ausgeklügelter Grausamkeit. Der Leichenfund von Saras lange verschollenem Mann, die unbewusste Perfidie, mit der Lars den Tod seiner Tochter vorwegnimmt, das alles eröffnet Abgründe, die weder moralisches Urteil noch den Glauben an Gerechtigkeit sondern nur Verstörtheit zurücklassen.
Fazit: Starke Studie eines ganz gewöhnlichen Mörders