Als völliger Außenseiter, mit einer Wettquote von 7:1 beim großen britischen Wettanbieter William Hill, gewann Banville 2005 mit "Die See" den neben dem Pulitzer-Preis wichtigsten englischsprachigen Literaturpreis Booker. Für manche bestätigte sich damit der Booker-Preis abermals als literarischer Überraschungspreis, und tatsächlich ist der Booker-Preis für Überraschungen gut. Denn nicht zuletzt gewannen unbekannte Inder, ferne Commonwealth-Autoren ohne lokale Leserschaft den mit fünfzigtausend Pfund dotierten Preis und stellen mit dem Preis oder ihren Werken, dann doch die Gegenwartsliteratur des angelsächsischen Literaturraums.
Banville dagegen war bereits vor dem Preis verpönt, er war Außenseiter, trat gegen Ishiguro, den Favoriten an, so soll er, vorausgesetzt es gehört nicht, wie so oft, zu einer kleinen Verleihungsgeschichte, am Vormittag der Verleihung betrunken gewesen sein und ins Mikrophon "Das habe ich mir anders vorgestellt" gesagt haben. Die kritischen Nachrufe auf seine Auszeichnung, sein arrogantes Gebaren während der Verleihung, haben jedoch weder seinem Werk, noch ihm geschadet. Banville genießt als einer der wichtigsten englischsprachigen Autoren nach wie vor großes Ansehen.
Anzeige Es heißt jedoch, dass ein Kritiker, und Journalisten im Allgemeinen, keine Bücher schreiben sollten. Banville ist Literaturkritiker. Es heißt, Banville sei arrogant, und alles was er sage, beruhe auf hart dilettantischer Bildung, die er immer wieder zur Schau stellt. Die Reihen seiner Kritiker sind lang. Aber seine Bücher verkaufen sich. Ihm werden leblose Charaktere vorgeworfen. An der bis in die Künstlichkeit reichende Sprache, wagt sich dagegen keiner heran. Banville ist, seiner Darstellung nach, kein geschwätziger Schriftsteller, sondern Autor wortpräziser Lektüre. Bisher wurde Banville daher als großer Stilist gehandelt. In diesem Buch, das Banville als Wendepunkt seines Schaffens kennzeichnet, immerhin sein fünfzehntes Buch, beginnt sein Roman mit dem Satz: "Sie sind gegangen, die Götter, am Tag dieser eigentümlichen Flut."
Banville sagt, er schreibe um zu begeistern und zu terrorisieren. Einen Moment.
Können Stilisten wie Banville gute Romane schreiben? Ihre rückwärtsgewandte Sprachanwendung findet ganz sicher bei vielen so genannten und vermeintlichen Sprachkennern Anklang, und es wäre nicht so, als ob keine Stilisten existierten in beispielsweise Deutschland, die über die Grenzen ihres Kantons bekannt sind. Nur haben Stilisten eines gemeinsam, und das seien die leblosen Charaktere, die oberflächlichen, aber labyrinthischen Romanzutaten. Das alles, und ich denke an einen dutzend deutscher Stilisten, ist sehr unterhaltsam, jedoch kräftezehrend, und hat man zwei Stilisten verinnerlicht, hat man beinahe alle verstanden und kann sie kaum noch lesen, ohne vor der so genannten großen Sprache, die sie auswerfen, zu gähnen. Dass heutzutage Stilisten besonders konstruierte Sprache anwenden müssen, mag ein Zeichen der Zeit sein, in der immer wieder bis zur Erschöpfung die Verrohung und Vermobung der Alltagssprache prognostiziert wird. Banville wäre meiner Auffassung also ein Semi-Stilist, der es dann doch noch schafft eine nicht nur technokratische Atmosphäre zu erschaffen. Insofern ist sein Roman einer seiner besten.
Banvilles Hauptfigur Max Morden ist in einer verzweifelten Lage, denn er trauert um seine verstorbene Frau. Morden begibt sich auf eine Reise in seine Kindheit, um die Trauer zu relativieren. Diese Kindheit verbindet Morden mit Sommermonaten, die er in einem Badeort an der See im Alter von zehn Jahren verbrachte. Viele alte Männer denken in vielen Alte-Mann-Literaturen an diese seltsam anmutende Zeit zurück. Männer beginnen sich mit zehn Jahren, manchmal früher als erwartet, für das andere Geschlecht zu interessieren und wissen nicht so recht, wie ihnen geschieht. Diese Epoche ist rein, weil der Anfang, ein Aufbruch, unschuldig und unberührbar. Wir erfahren von Max’ armer Kindheit, Max’ Bekanntschaft mit der unkonventionellen wohlhabenden Familie Grace; wir lesen von Mrs. Grace und der Anziehungskraft, die sie auf Max ausübt; wir hören von den archaischen Kindern Mrs. und Mr. Grace, den Zwillingen, einem Mädchen, das Heuschrecken verbrennt, und ihrem Bruder, der nie spricht. Und Banvilles Frau, die frühzeitig an einer unheilbaren Krankheit erkrankt und ihrem allmählichen, ihn und sie zersetzenden Tod.
Die See ist im Grunde ein schwermütiger Roman, den man konzentriert lesen sollte, keine Abendlektüre, möchte man alles und nicht nur die Schwermut erfasst haben. Die See erfordert sowohl Geduld als Gespür für Zeit. Banville selbst: "Für mich sind meine Figuren zugeknöpft, sie sind auf der Hut und verstecken Ihre Emotionen. Aber die Emotionen sind immer da. Sie entwischen ihnen sogar wie Luft aus einem Ballon. Um im Bild zu bleiben, der Ballon platzt beinahe. Für mich ist das der geeignete Weg, über Gefühle zu schreiben, denn so sind wir Menschen." Banville stellt mit seinem Roman unter Beweis, dass man ihm nicht mehr vorwerfen kann emotionslos und oberflächlich zu schreiben, was sein sicher zentrales Anliegen war.
Sein Roman ist, bei aller Liebe für das Verworrene, Stilisierte und Groteske, dennoch schwer zugänglich und sollte behutsam und mit Sorgfalt empfohlen und gelesen werden. An nicht wenigen Stellen des Buches kippt der Stil ins Schwülstige, und dann knallt Banville doch noch prägnante Poesie: "Ich war in die dubiose Welt, in der Anna und ihr Vater lebten, eingetaucht wie in ein anderes, ein phantastisches Medium, in dem die Spielregeln, die ich bis dahin kannte, nicht galten, wo alles nur Schein war und nichts echt, oder aber echt war, jedoch so aussah, als wäre es falsch, genau wie diese Schale mit den vollkommenen Früchten in Charlies Wohnung."
John Banville Die See (Originaltitel: The Sea)
Übersetzt von Christa Schuenke
Kiepenheuer & Witsch GmbH
gebunden, 224 Seiten, EUR 17,90
ISBN 346203717X