Die drei sehen aus wie auf einem alten Foto: Vater, Mutter und Sohn auf dem Weg zu einer Party. Die ganze Straße ist eingeladen und auf dem Weg zum Haus des Engländers, der dort die Verlobung seiner Tochter feiert. Doch die Nacht endet anders, als die Gäste sich träumen lassen.
Nicht mehr ländlich, doch auch noch nicht ganz Stadt, so präsentiert sich der Vorort von Melbourne, in dem George Bedser die Verlobung seiner Tochter feiern will. Es ist eine eng verwobene Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt, und doch niemand hinter die Fassaden der zufriedenen Gesichter zu blicken vermag. Der Weg beginnt mit Rita und Vic, deren Ehe an den unerfüllten Träumen und dem Alkoholismus krankt, führt weiter zu Patsy, die trotz ihrer Verlobung eine leidenschaftliche Affäre eingegangen ist, hinaus in die Tiefe der Nacht, wo der Lokomotivführer Paddy etwas tun wird, das das Leben dieser Menschen verändern wird.
Anzeige Der australische Schriftsteller Steven Carroll malt in seinem vierten Roman, Die Kunst des Lokomotivführens, das melancholische Bild einer Vorstadtidylle. Die Menschen, die wie in Trance die Straße hinunter zum Haus des Engländers wandeln, bewegen sich wie Marionetten Schritt für Schritt auf ihr Verhängnis zu, während der Autor immer wieder den Einblick in ihre Köpfe ermöglicht, indem er ihre Gedanken und Träume bloßlegt.
So ist auch ein großer Teil der Handlung innere Handlung, die aus Rückblicken und Träumen besteht, immer wieder durchsetzt mit Hinweisen des allwissenden Erzählers, der den Leser über das Schicksal dieser Menschen aufklärt. So werden die Zeitebenen geschickt aufgehoben und der traumähnliche Charakter dieser Erzählung ohne Helden wird noch verstärkt. Die Unausweichlichkeit des Schicksals wird darüber hinaus deutlich durch das Bild des Lokomotivführers Paddy, der einsam durch die Nacht rast. Auch er, der zu den besten seiner Zunft gehört, muss sich höheren Mächten beugen und wird schließlich zum Katalysator für Menschen, denen er sonst nie begegnet wäre.
Von der ersten bis zur letzten Seite legt Caroll ein Mosaik verzweifelter Sehnsüchte und enttäuschter Hoffnungen, die in ihrer leichten Trauer zutiefst menschlich sind. Obwohl die einzelnen Figuren nicht als facettenreiche Helden herausgearbeitet werden, wirkt die Straße in ihrer Gesamtheit wie ein komplexer Spiegel menschlichen Handelns. Dabei ist die Aussage des Autors trotz aller Trauer und Desillusionierung nicht negativ. Denn diese Menschen, die dem Schicksal nichts entgegenzusetzen haben, haben die Fähigkeit, wenn es darauf ankommt, menschlich zu sein.
Fazit: Anrührendes Kaleidoskop enttäuschter Hoffnungen und Sehnsüchte