spacer
spacer
Logo



 
Hauptmenü
Startseite
Suche
Buch
Hörbuch
Film zum Buch
Vorschau
Videos
Magazin & Interviews
Autoren
Verlage
Forum
News
Service
Branchenbuch
Extras
Shop
Newsletter
Mediadaten/Werbung
Impressum
Newsletter
Wöchentliche Buchtipps, Buchpakete gewinnen & Neuigkeiten - Hier abonnieren

Hinweise zum Newsletterversand
Zu Google hinzufügen
Fügen Sie die literature.de-Rezensionen zu iGoogle hinzu
 

Startseite arrow Buch arrow Die Kolonie

Die Kolonie PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heiko Paulheim, am 27-03-2007 15:00
Editorbewertung Keine Bewertung
Durchschnittliche Benutzerbewertung Keine Bewertung
Favoriten 20

Chuck Palahniuk - Die Kolonie Verstörend und monströs, pervers und düster

Mit Büchern mit großer Figurenzahl hatte ich schon immer so meine Schwierigkeiten. Schon in der Schule konnte ich oft nicht in höhere Deutungssphären vorstoßen, stattdessen fragte ich bei der Behandlung von Hamlet meinen Sitznachbarn dutzende Male verstohlen, wessen Schwester Ophelia doch gleich wieder sei. Entsprechend wurde mir beim ersten Kapitel von Palahniuks neuem Roman „Die Kolonie“ leicht schwindelig.

Rund 20 Personen werden zu Beginn eingeführt, allesamt Hauptfiguren, sie treten im Seitentakt auf. Aus der Befürchtung heraus, mich in diesem Buch heillos zu verzetteln, spiele ich kurz mit dem Gedanken, mir einen Spickzettel anzufertigen, entscheide mich dann aber doch für den reinen Lesegenuss ohne Hilfsmittel. Und nach den ersten Kapiteln hat mich das Buch so eingenommen, dass ich das Personenproblem ganz vergessen habe.

Für fast alle der beteiligten Personen, Mr. Whittier und seine Assistentin Mrs. Clark einmal ausgenommen, beginnt die Geschichte mit einer kleinen Annonce. „Ein Aufruf an alle Schriftsteller: Verändern Sie Ihr Leben!“ ist da zu lesen. Für drei Monate wollen sie zusammen leben, essen, schlafen, und – ganz wichtig – natürlich an ihren Texten arbeiten. Jeder darf nur einen Koffer persönlicher Dinge mitnehmen, nicht mehr, jeder bekommt ein kleines Zimmer. Für Verpflegung ist gesorgt. Und jeder hat eine Nachricht in der Außenwelt hinterlassen, auf dass niemand die Autoren vermissen möge.

Doch in der Kolonie angekommen, stellt sich heraus, dass Mr. Whittier etwas ganz anderes mit seinen Zöglingen vorhat: die Türen werden verschlossen, die Gäste eingesperrt in einem Haus, in das kein Tageslicht dringt, keine Nachrichten von außen. In einem alten Theaterraum sollen die entstandenen Texte zur Aufführung kommen, aber niemand wird das Gebäude verlassen können. Ein Alptraum? Die Gefangenen sehen die Situation eher als Chance: wenn sie das hier überleben und in den Talkshows des Landes über ihre Pein in den Händen von Whittier berichten, werden sie berühmt werden, viel berühmter, als sie es mit ihren literarischen Ergüssen jemals werden könnten.

Anzeige
Warum dann nicht noch ein wenig nachhelfen? Unabhängig voneinander beschließen sie, dass man das Leiden ja noch ein klein wenig schlimmer machen könnte, um später noch eine grausamere Geschichte zu erzählen zu haben. Um noch ein Stückchen berühmter zu werden. So vernichten sie über Nacht Lebensmittelvorräte, jeder nur ein paar, aber bald müssen sie hungern. Irgendjemand steigt immer wieder in den Keller und sabotiert die Heizung. Kälte und Hunger – wenn das keine Leidensgeschichte ist, die sich verkaufen ließe. Aber ginge es nicht noch ein wenig dramatischer? Was, wenn man auch noch behaupten könnte, Mr. Whittier hätte sie gefoltert und verstümmelt? Der Gedanke ist kaum gedacht, da saust schon das erste Küchenmesser auf einen Finger nieder. Und das ist erst der Anfang.

Längst geht es nicht mehr darum, bessere Geschichten zu erzählen, am Autorentalent zu feilen, sondern um das Überleben – aber um das schlechtestmögliche Überleben, denn nicht, dass man die Gefangenschaft überlebt hat, lässt sich verkaufen – sondern dass man sie trotz Hunger, Kälte und Folter überlebt hat, dass man verstümmelte Gliedmaßen in die Kamera halten kann. So feilen sie gemeinsam am Drehbuch für die Zeit nach der Kolonie, schmücken aus, dramatisieren, quälen sie sich selbst. Bei alledem ist dennoch jeder der Autoren gehalten, seine Lebensgeschichte auf der Theaterbühne der Kolonie zu inszenieren. Was dort zum Vortrag kommt, sind natürlich keine Biographien, es sind stilisierte, dramatisierte Geschichten. Geschichten, die man verkaufen kann, Geschichten von bizarren Unfällen beim Onanieren, von unheilbaren Krankheiten, von Kisten, die Alpträume produzieren, von Menschen, die ihr Glück in der Produktion von Heimpornographie suchen. Geschichten, die verzweifelt Aufmerksamkeit suchen.

Genau darum geht es in Palahniuks neuem Roman: um die Sucht nach Aufmerksamkeit. Um das Leben in einer Gesellschaft von gecasteten Popsternchen und unter der Gürtellinie inszenierten Talkshows, um Warhols 15 Minuten Ruhm. Dazu zieht der Autor natürlich alle Register der Übertreibung – und gleichzeitig handelt die ganze Geschichte von nichts anderem als von systematischer Übertreibung, Inhalt und Form verschmelzen so zu einem faszinierenden Roman. Mit „Die Kolonie“ läuft Chuck Palahniuk nach dem etwas schwächeren „Das letzte Protokoll“ wieder zur Hochform auf, zelebriert seinen einzigartigen Stil, eine Melange aus schwarzem Humor, Horror und Gesellschaftssatire. Und was mich persönlich sehr beruhigt hat: trotz der beeindruckenden Anzahl an Hauptfiguren, die jede ihre eigene Geschichte zum Besten geben, verliert man hier nicht den Überblick. „Die Kolonie“ ist verstörend und monströs, pervers und düster, harte Kost, ohne Frage, aber gerade diese morbide Faszination zieht einen beim Lesen in den ihren Bann. Und dabei dämmert einem die gruselige Selbsterkenntnis: dass man als Leser genau die Art von sensationsgierigem Voyeur ist, für die sich die Kolonieinsassen selbst quälen und ihr Leiden inszenieren.

Bibliographische Angaben


Chuck Palahniuk
Die Kolonie
Deutsch von Werner Schmitz
Manhattan Verlag
480 Seiten, EUR 19,95
ISBN: 3442546095

 

 

 

 

 

 

Der Autor

Chuck Palahniuk wurde 1962 geboren und ist französisch-russischer Abstammung, er lebt heute in Amerika. Einem größeren Publikum bekannt wurde er vor allem durch die Verfilmung seines Debüt-Romans "Fight Club" durch David Fincher mit Brad Pitt und Eduard Norton in den Hauptrollen. Seine Romane wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Der britischen Zeitung „The Guardian“ zufolge sind bei Lesungen der Kurzgeschichte „Vorfall“, die Teil des Romans „Die Kolonie“ geworden ist, schon mehrere Menschen ohnmächtig geworden.



Lesezeichen:
Blinkbits
BlinkList
blogmarks
co.mments
connotea
Delicious
De.lirio.us
Digg
Fark
feedmelinks
Furl it!
Hugg
LinkaGoGo
Ma.gnolia
Mister.Wong
Netvouz
NewsVine
NUjij
Profile Heaven
RawSugar
Reddit
Scoopeo
Scuttle
Shadows
Simpy
Smarking
Spurl
Stumble
TailRank
Technorati
Wists
YahooMyWeb

Letztes Update: 27-03-2007 16:22

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Kolonie, Chuck, Palahniuk, Fight, Club, Medien, Warhol, 15, Fifteen, Fünfzehn, Minutes, Minuten, Star, Horror, ISBN 3442546095
Artikel zitieren Zu meinen Favoriten hinzufügen An Freund senden Ähnliche Themen

Benutzerkommentare (0) RSS feed Kommentar
Nur registrierte Benutzer können einen Artikel kommentieren. Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich.

Keine Kommentare vorhanden

Fügen Sie Ihren Kommentar hinzu



mXcomment 1.0.6 © 2007-2008 - visualclinic.fr
License Creative Commons - Some rights reserved
< Zurück   Weiter >
spacer
Suche
Anzeige
AbeBooks.de - 100 Mio. neue, gebrauchte und antiquarische Bücher

Ihre Anzeige hier
Anmeldung
Warum anmelden?
Mehr erfahren...
Statistik

9.411 Rezensionen, 1.534 Autorenporträts,  1.954 Clubmitglieder, uvm.

Wer ist Online
Aktuell sind 365 Gäste online und 1 Mitglied online
Ähnliche Themen
Forum
Anzeige
RSS-Feeds


Hörbücher hier herunterladen!

Impressum  |  Kontakt  |  AGB  |  Blog  |  FAQ  |  Werben auf literature.de  |  Presse  |  Jobs  |  RSS-Feeds

Partner: frueherlesen | blaetterrauschen | Zu Google hinzufügen

© 1998-2008 literature.de - literaturschau-mediendienst und content-newmedia.de  |  litstats

Alle Rechte vorbehalten - kein Teil der Inhalte darf auf anderen Seiten / in anderen Medien ohne Zustimmung von literature.de verwendet werden!

Empfehlungen:

spacer