Schon seit Urzeiten gibt es die Kunstform der Körperbemalung: Kunst auf nackter Haut. Eine Meisterin des Bodypainting ist Joanne Gair. Sie kleidet die Körper ihrer Modelle, darunter Heidi Klum, Demi Moore und Madonna, in Farben ein und erschafft so perfekte Illusionen. Dieser Bildband zeigt Werke aus über 20 Jahren kreativer Arbeit.
Man muss schon genau hinschauen, um zu erkennen, dass Demi Moore auf dem Titelbild eigentlich nackt ist. Denn der von Joanne Gair aufgemalte Hosenanzug wirkt dank ihrer Hingabe zu den Details (Faltenwurf, Struktur, Licht und Schatten) täuschend echt. Dieses Bild war es auch, das der Künstlerin 1992 zu großer Popularität verhalf, als es auf dem Cover des Vanity Fair Magazins erschien. Es ist unmöglich, sich zu entscheiden, welche der 70 Abbildungen in diesem Buch die faszinierendste ist. Auf den ersten Blick spektakulär sind, neben der gemalten Kleidung, unbestritten die Bilder, auf denen das Model chamäleonartig mit dem Hintergrund verschmilzt, z.B. mit einer Blumenwiese.
Anzeige Eigentlich müsste jedoch jede Aufnahme schwärmerisch hervorgehoben werden, stattdessen seien an dieser Stelle zwei der großartigen Arbeiten erwähnt: zum Einen die Nachbildung der Flora aus Botticellis Meisterwerk „Primavera“, eine gelungene Synthese aus Hintergrund, Körperbemalung, Stoff und Blüten; zum Anderen das Bild der hochschwangeren Elle McPherson, fotografiert im Profil, eingefügt in einen leuchtend bunten Hintergrund. Gair holt das ungeborene Baby aus dem Inneren des Körpers auf den Bauch der Mutter und löst so die Grenze zwischen Innen und Außen auf - durch Malerei auf der Grenze selbst, der Haut. In der Bildlegende am Ende des Buchs findet man zu jedem Werk einige kurze Kommentare der Künstlerin. Diese geben Aufschluss über Kontext und Technik der Arbeiten. So kann das verflixte Rätseln - „Wie hat sie das bloß gemacht?“ - ein ums andere Mal gelöst werden.
Nie im Leben würde man darauf kommen, wie die Künstlerin ihr Modell in eine lebensgroße Barbie-Puppe verwandeln konnte. Man vermutet sogar, dass bei diesen Aufnahmen „geschummelt“ wurde. Erst das Kommentar zu diesem Bild überzeugt: es handelt sich wirklich um einen lebendigen Menschen, verwandelt durch Farbe, Glitzerstaub und verschiedene Make-up Arten. Gair arbeitet außerdem auch mit Airbrush-Technik, Öl, Lehm, Blattgold, Latex, Paraffinwachs, ja sogar mit schwarzem Kugelschreiber – den Materialien sind keine Grenzen gesetzt.
Dass es stundenlang dauern kann, bis ein Kunstwerk auf der Leinwand aus Haut fertig gestellt ist, schildert Topmodel Heidi Klum in einem herzlichen Vorwort: „Joanne begann gleich am ersten Abend (...) mich zu bemalen, und sie arbeitete die ganze Nacht hindurch, weil wir bei Sonnenaufgang mit den Aufnahmen beginnen wollten.“ Das verlangt der arbeitenden Künstlerin und dem stillsitzenden Model ein Höchstmaß an Disziplin ab. Umso erschreckender der Gedanke, dass das „Gemälde“ nach dem Foto-Shooting wieder verschwindet. Wie gut, dass diese Vergänglichkeit aufgehalten wird, indem die Fotografie das Kunstwerk konserviert. Es ist sogar viel mehr als eine bloße Konservierung.
Die berühmtesten Fotografen der Welt, darunter David LaChapelle, Annie Leibovitz und Herb Ritts, haben die bemalten Körper aufgenommen. Sie vollenden Joanne Gairs Werk, führen es weiter, tragen zur Perfektion der Illusion bei.
Fazit: „Kunst auf nackter Haut“ ist eine Dokumentation faszinierender Zusammenarbeit der begnadeten Make-up-Artistin Joanne Gair, der berühmtesten Fotografen der Welt und vieler wunderschöner Frauen.
Joanne Gair Kunst auf nackter Haut Mit einem Vorwort von Heidi Klum
Knesebeck, September 2006
156 Seiten, EUR 39,95
ISBN 3896603779