„Das Bild Nordkoreas, das wir uns machen, ist dadurch geprägt, dass wir aus diesem Land so wenige Bilder haben. Denken wir ein wenig darüber nach, sehen wir vielleicht die Phantasmen einer Vergangenheit, die wir nie erlebt haben; wir sehen einen totalitären Traum; wir empfinden eine in unseren Gehirnen niemals gespeichert gewesene Nostalgie.“
Unser Wissen über Nordkorea ist spärlich. Umso erfreulicher, dass sich Kracht, Munz und Nikol in diese Fremde aufgemacht haben, um mit einem faszinierenden Bildband zurückzukehren. Ob wir damit das wahre Nordkorea kennen lernen können? Die farbigen Fotografien zeigen keinen Hunger, keine Gewalt, keine Armut - sondern Frieden, Wohlstand und vor allem Ordnung. Anstatt die Bilder mit ausdrücklicher Kritik zu versehen, hat man sich hier entschieden, den Diktator Kim Jong Il selbst sprechen zu lassen – in Form von Zitaten aus seinem Buch „Über die Filmkunst“. Kim Jong Il, dessen Vater als ewiger Präsident des Landes gilt, führt die kommunistische Dynastie seiner Familie fort. Er lebt zwar mit seinem Volk im selben Land, doch in einer anderen Welt. Als außerordentlicher Filmfan vergnügt er sich im privaten Kino, während die Bevölkerung unter dem nordkoreanischen Kommunismus lebt.
Anzeige Indoktriniert werden die Nordkoreaner von Geburt an: Wer hier nicht spurt, wird in Umerziehungslagern vom System „überzeugt“. Die Regierung schürt unter dem Volk die Angst vor einem erneuten Belagerungszustand und propagiert Isolation und Abschottung von der Außenwelt. Aufrüsten müsse man, sich wehren gegen „die Anderen“, unabhängig sein. Es sterben jährlich schätzungsweise eine Million Menschen an Unterernährung und der schlechten medizinischen Versorgung – aber Hilfe von außen braucht man in Nordkorea angeblich nicht. All diese Umstände werden in „Die totale Erinnerung“ nicht thematisiert. Der Autor Christian Kracht und die Fotografen Eva Munz und Lukas Nikol haben das „Kunstwerk“ Nordkorea in diesem außergewöhnlichen Bildband eingefangen. Bilder, die an die Neue Sachlichkeit erinnern, die perfekt in Szene gesetzten „Alltag“ zeigen, die in ihrer Monumentalität unglaublich unglaubhaft wirken. Nordkorea – eigentlich weiß niemand so genau, wie die Realität dort aussieht. Auch wenn sich der Vorhang hebt, kommt lediglich eine Kulisse zum Vorschein. Man bekommt zu sehen, was man sehen soll. Ein Land wie eine Bühne, arrangiert für die Inszenierungen seines Diktators.
Christian Kracht, Eva Munz, Lukas Nikol Die totale Erinnerung. Kim Jong Ils Nordkorea Rogner & Bernhard
September 2006
Gebunden, 136 Seiten
ISBN 3807710205
Preis: 24,90 Euro