Management-Ratgeber handeln meist von einem – vom Sparen. Und sparen kann man, klar, am Besten da, wo die meisten Kosten anfallen, in einer Wissensgesellschaft also am Wissen. So lautet also Gunter Duecks revolutionäres Managementcredo: „Lean Brain Management“, zu Deutsch etwa: „Management mit wenig Intelligenz“, oder, kurz und prägnant: Null Hirn.
Es grenzt ja auch schon an Bizarrerie: die Wirtschaft verlangt einerseits nach immer besser ausgebildeten Fachleuten und beklagt andererseits die zu hohen Personalkosten – denn natürlich wollen sich diese gut ausgebildeten Fachleute ihr Wissen und ihre Intelligenz auch gut bezahlen lassen. Da wird es Zeit, dass die unangenehme Frage endlich einmal gestellt wird: ist so viel Intelligenz überhaupt nötig?
Die verblüffend einfache Antwort lautet: nein, eigentlich nicht. Denn die meiste Intelligenz wird, so Dueck, benötigt, um gute Dinge noch besser zu machen, obwohl das Gute eigentlich schon völlig ausreichend wäre. An der Rum-Analogie wird klar: nur ein geringer Teil der Konsumenten ist in der Lage, echten Rum von Rum-Verschnitt zu unterscheiden. Rum-Verschnitt ist aber in der Herstellung um ein vielfaches billiger. Am Effizientesten also wäre es, anstatt viel Aufwand in die Herstellung echten Rums zu stecken, mit wenig Aufwand möglichst echt schmeckenden Rum-Verschnitt herzustellen und dann den Anteil des Rums so weit wie möglich abzusenken. Und das entstehende Gemisch natürlich zum Preis echten Rums zu verkaufen. Der Fake wird zum neuen Ideal erhoben.
Soweit klar? Gut, dann können wir zum nächsten Schritt übergehen: die Rum-Analogie auf die Welt zu übertragen und endlich mit dem Intelligenz-Einsparen anzufangen. Dueck liefert eine ganze Reihe Beispiele, wie unser Leben durch Lean Brain vereinfachen können. Beispiel Gesundheitssystem: während einer Masernepidemie im Kindergarten ist das Wartezimmer des Kinderarztes voll von Müttern, die alle schon wissen, dass ihre Kinder Masern haben. Trotzdem müssen alle Mütter samt Kind erst einmal in das Sprechzimmer des studierten Mediziners, der jedes Kind einzeln untersucht, um schließlich ein Rezept für ein Masernmedikament auszustellen. Das trägt man dann in die Apotheke, wo man bei einem studierten Pharmazeuten das Rezept in ein Medikament gegen Masern umtauscht. Ein teures Gesundheitssystem mit viel zu viel Intelligenz! Die Lean-Brain-Variante dieses aufwändigen Gesundheitssystem, der bestmögliche Fake also, sähe dagegen wie folgt aus: am Empfangstresen sitzt eine in wenigen Minuten eingearbeitete Hilfskraft (Lean Brain!), zu der die Mütter gehen und sagen, dass das Kind Masern hat, und die daraufhin das Masernmedikament einfach selbst ausgibt..
Anzeige Klingt einfach. Soll und ist es auch. Denn Lean Brain Management steht für die gnadenlose Vereinfachung der Arbeitswelt, der Gesellschaft, unseres täglichen Lebens. Dazu werden natürlich einige zentrale Intelligenzen benötigt, die diese Vereinfachung durchführen. Ihre Aufgabe ist es, die Systeme intelligent genug zu machen, um die Intelligenz der Menschen einzusparen. Am Beispiel des Gesundheitswesens heißt das: indem im System eine zentrale Ausgabestelle für Masernmedikamente eingerichtet wird, ist die Intelligenz des studierten Arztes obsolet geworden und in das System geflossen, in dem nur noch einfache Hilfsarbeiten, nämlich die Ausgabe eines Medikaments, anfallen. Eine Lean-Brain-Welt benötigt nur noch solche einfachen Hilfsarbeiter, die in Minuten an- und umgelernt werden, und eine Handvoll sogenannter Moronorgen, die die intelligenten Systeme schaffen, in denen die Hilfsarbeiter nur noch einfachste Arbeiten verrichten müssen.
„Lean Brain Management“ – in Anlehnung an den in Japan entstandenen Begriff vom „Lean Management“, der heute tatsächlich immer wieder durch die Managementratgeber geistert – steckt voller haarsträubend klingender, aber plausibel argumentierter Ideen, die, wie sich das für ein Management-Buch gehört, einfach aufgearbeitet sind, mit kurz gefassten Ratschlägen in grau unterlegten Kästen und Kontrollfragen am Ende jedes Abschnittes. Und es handelt sich natürlich um Satire. Genau das scheint einigen Lesern entgangen zu sein – weswegen Dueck auf seiner Homepage noch einmal vorsichtshalber darauf hinweist: „Das macht mir schon wieder Sorgen, nachher bin ich es gewesen, der die Verdummung der Menschheit eingeleitet hat.“ Gegenfrage am Rande: Was gibt es da noch einzuleiten?
Duecks Fake eines Managementratgebers (denn ein echter Ratgeber würde natürlich zu viel Intelligenz erfordern) liest sich unterhaltsam – wahrscheinlich unterhaltsamer als die meisten echten Managementbücher. Doch wer weiß, wie Manager denken und welcher Unsinn bisweilen in echten Managementratgebern steht und von echten Managern für bare Münze genommen wird, dem wird das Lachen an manchen Stellen im Hals stecken bleiben. Denn Dueck macht vor der Arbeitswelt nicht halt, er entwirft eine ganz neue Gesellschaft, eine schöne neue Welt mit Lean-Brain-Religion, Lean-Brain-Kultur und Lean-Brain-Sex. Das macht Spaß und Angst zugleich. Denn wer weiß, vielleicht nimmt gerade jetzt, in dem Moment, wo Sie diese Rezension lesen und darüber in Kenntnis gesetzt werden, dass es sich bei „Lean Brain Management“ um eine Satire handelt, Ihr Vorgesetzter dieses Buch ernst und beginnt schon morgen, an Ihrer Verdummung zu arbeiten...
Gunter Dueck Lean Brain Management 228 Seiten, Springer Verlag
ISBN 3-540-31146-7
Preis: 22,95 Euro