Populäres Panoptikum Illustrierte Ansichten des bürgerlichen Jahrhunderts
„Bilder sagen mehr als tausend Worte“, lautet eine ziemlich abgedroschene und vom Rezensenten aber mit gutem Grund wiederholte Redewendung. Denn welch anderes Motiv sollte den Leipziger Verlag F.A. Brockhaus dazu bewogen haben, zwischen 1837 und 1841 ein vierbändiges „Bilder-Conversations-Lexikon“ auf den Markt zu bringen. Mit Illustrationen aller Art hofften die Herausgeber schließlich alle „Classen des gesammten deutschen Volkes“ unterhaltsam belehren zu können.
Sicher war das Interesse an dem reich bebilderten Lexikon damals größer als so mancher Geldbeutel. Weshalb sich der volkspädagogische Wunsch wohl erst heute, mit der günstigen Ausgabe der Digitalen Bibliothek erfüllt. Gleichwohl dürfen die lexikalischen Zweitverwerter aus Berlin wie die Macher von damals im besten Falle mit einem gebildeten Publikum rechnen. Die „gemeinfaßlich“ beschriebenen und illustrierten „Gegenstände“ entfalten ihren Reiz nach über 150 Jahren wohl vor allem bei historisch bewanderten Bürgern.
Raus aus der Bleiwüste
Die Besitzer bildmächtiger Multimedia-Lexika werden über die knapp 1.300 Holzschnitte des historischen Vorläufers nur milde lächeln. Für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts muss das „Bilder-Conversations-Lexikon“ aber ebenso faszinierend gewesen sein wie für heutige Wissensjunkies die neuste Version des „Brockhaus multimedial“. Da die Fotografie ihren Siegeszug erst noch antreten sollte, konnte die Bilderlust allein durch Museumsbesuche und Zeitschriften wie die „Gartenlaube“ oder die „Leipziger Illustrirte“ befriedigt werden. Ansichten von fernen Ländern, exotischen Tieren und prominenten Persönlichkeiten waren in den akademischen Enzyklopädien Mangelware. Noch in der 9. Auflage der 15-bändigen „Real-Encyklopädie“ (1843-1848) aus dem gleichen Verlagshaus wanderten die Augen durch eine Bleiwüste.
Anzeige Doch der verheißungsvolle Titel des Lexikons blendet noch heute die Käufer. Denn den gut tausend Bildern und 45 Karten stehen 7.000 Stichwörter gegenüber. Also nur etwa jeder sechste Artikel ist theoretisch bebildert. Hinter einigen Stichwörtern verstecken sich nämlich gleich mehrere sachbezogene Abbildungen. Aber Begriffe wie „Abbitte“ oder „Zwang“ lassen sich damals wie heute natürlich schlecht illustrieren. Deswegen hat der bodenständige Verlag aus Leipzig fast ausschließlich unmittelbar Sichtbares ins Bild gesetzt: Landschaften, Stadtansichten und architektonische Highlights, verstorbene und zeitgenössische Fürsten, Forscher, Künstler, Philosophen. Exotische Tiere wie den „Alk“ oder bekannte wie den „Specht“. Aber auch die ersten Wunderwerke der frühen Industrialisierung sind zu bestaunen. Ein „hochmoderner“ dampfbetriebener Wagen stiehlt der ebenfalls erfassten „Tretmühle“ eindeutig die Schau.
Historische Diaschau
Dank der einfach zu bedienenden Software zappt man sich bequem durch das populäre Panoptikum des Biedermeier. So lassen sich bereits nach wenigen Klicks wahrhaft merkwürdige Funde machen. Beim Stichwort „Schnüren“ werden nicht nur die physischen Folgen modischer Torheiten sichtbar, sondern auch die „Ansichten“ des Bürgertums, das dem aristokratischen Schönheitsideal des Rokoko sein eigenes entgegensetzt: „Da wahrhaft schön nur die natürlichen Formen eines gesunden Körpers sind, so können die Schnürleibchen auch nur dann ihrem Zweck entsprechen, wenn sie den Körper in den naturgemäßen Formen erscheinen lassen oder ihm bei krankhaften Abweichungen jene Formen wiedergeben.“ Der bürgerliche Zeitgeist spukt durch alle Artikel. Und wer sich von ihm umwehen lassen möchte, kann das nun auch im 21. Jahrhundert, dank perfekter digitaler Konservierung.
FAZIT: Schöne Einsichten in die „Ansichten“ des bürgerlichen Zeitalters.
Bilder-Conversations-Lexikon Digitale Bibliothek Band 146
Directmedia Publishing GmbH, Berlin 2006
1 DVD. MS Windows (98, ME, NT 2000, XP)
60,00 EURO
ISBN 3-89853546-0