Schmerzliche Mörderjagd im Reich eigener Geschichte
In zeitlupengleicher Ausgeglichenheit erzählt der Autor die Geschichte vom grausigen Mord an der Pensionswirtin Ghiuditta Tagliavini, die alle Welt Ghitta nennt. Früher mal wohnten bei ihr die mehr oder weniger mittellosen oder nicht mit Reichtum gesegneten Studierenden oder sonstigen Wohnungslosen. Aber - das machte ihre Unterkunft zum „Geheimtreff“ - auch heimliche Treffen Verliebter oder Fremdgänger fanden in den kleinen Zimmern des inzwischen Stundenhotel gewordenen „Via Saffi“ statt. Nun ist Ghitta tot - erstochen.
Commissario Soneri ist schnell ganz persönlich involviert, als er die alte Pension im zu der winterlichen Jahreszeit kurz vor Weihnachten ständig in den Flußnebel des Pos eingehüllten Parma aufsucht. Schließlich traf auch er sich von langen Jahren mit seiner späteren Frau Ada, die er auf tragische Weise verlor. Möglicherweise spielte Ghitta sogar eine Rolle dabei, da sie neben „Wunderheilungen“ in ihrem Heimatdorf auch Abtreibungen vornahm und Ada an nicht näher benannten Blutungen zu Tode kam.
Immer tiefer versinkt Soneri auch in seiner eigenen Vergangenheit, insbesondere der seiner verstorbenen Frau, die er offensichtlich nie richtig kannte. Stück für Stück setzt er Erkenntnisse und mühselig in Erfahrung Gebrachtes zusammen. Doch einen eindeutigen Verdächtigen muss man lange vermissen. Seine Herzbeklemmung ob der für ihn so ganz neuen emotionalen Wahrheiten überträgt sich schnell auf einen selbst. Traurig und auch wütend muss der immer noch am Tod seiner Frau leidende Mann auch noch deren Affäre oder besser Beziehung zu einem anderen Mann verkraften.
Anzeige Bei seinen Nachforschungen im Bergdorf Rigoso der Tagliavini stößt der nachdenkliche Gelassenheit trotz seiner Angespanntheit ausstrahlende Ermittler auf Verbindungen zum politischen Widerstand der Kommunisten vor nahezu dreißig Jahren. Ein damals ermorderter Aktivist war Mario Dallacasa, dessen Mörder nie gefunden werden konnte. Da die Pensionswirtin von einem „Roten“ bedroht wurde, könnte es sogar einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden geben.
Sogar politische Korruption und schmierigen Geschäfte von unerkannt bleiben wollenden Politikern spielen eine möglicherweise nicht unerhebliche Rolle. Die Funktion von Ghitta’s „Via Saffi“ weist auch diese Facette kriminellen Tuns in deren Räumen auf.
Ohne auch nur einen einzigen Moment reißerisch zu sein, beschreibt der Autor die Arbeit des Kriminalers und bietet in seiner spröden Erzählweise dennoch genügend Material zur Identifikation mit ihm an. Zum Glück gibt es auch noch Angela, in deren Armen sich der oft etwas steif wirkende Soneri dann doch entspannen und wohlfühlen kann, wenngleich auch deren Not mit dem ständig „unter Strom“ stehenden Mann deutlich wird.
Der Kriminalroman beeindruckt durch seine stille Weise, die Begrenztheit von Handlungsorten und die düster-melancholische Stimmung im wenig einladenden, Gänsehaut verursachenden norditalienischen Parma.
Valerio Varesi Die Pension in der Via Saffi Commissario Soneri blickt zurück.
(Originaltitel: L'affittacamere)
Übersetzt von Karin Rother.
Kindler Verlag
283 Seiten, 19,90 Euro
ISBN 3463404877