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Chuzpe PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Irmela Körner, am 15-01-2007 09:00
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Lily Brett: ChuzpeWoran mag es nur liegen, dass Kinder ihre Eltern so oft grundfalsch einschätzen und gewisse Seiten deren Lebens nicht wahrhaben wollen? Was immer sie gut gemeint arrangieren, geht an den Interessen der Betroffenen meilenweit vorbei. Je älter die Väter oder Mütter werden, um so weniger passen sie in die Vorstellungen der Kinder, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie den geruhsamen Lebensabend sinnvoll füllen könnten und immer das Falsche vorschlagen. So jedenfalls ergeht es Ruth, einer erfolgreichen Geschäftsfrau, die ihrerseits längst erwachsene Kinder hat und über Jahre mit sehr viel Geld mehr oder minder erfolgreich ihre Neurosen analysiert hat.

Fürsorglich und finanziell gesichert hat sie ihren inzwischen 87 jährigen Vater dazu gebracht, von down under zu ihr nach New York überzusiedeln. Sie besorgt ihm eine passende Wohnung, ein ausreichend gefülltes Bankkonto und schlägt ihm nun diverse Aktivitäten vor. Einen Lesezirkel für Kriminalromane, einen Schwimmkurs, die Mitgliedschaft im Seniorenverein. Der Vater hat darauf immer nur eine Antwort. „Schmonzes“ Viel lieber geht er für die Firma seiner Tochter auf Schnäppchenjagd, ordert Briefpapier en gros, dazu vollautomatische Staubsauer und gemustertes Toilettenpapier auf Vorrat.

Dann lässt er zum Entsetzen seiner Tochter zwei Urlaubsbekanntschaften aus Polen nach New York kommen, hilft den beiden glücklichen Gewinnerinnen einer Greencard ein neues Leben in New York zu beginnen, das auch das seine ganz schön in Atem hält. Die neurotische Tochter steht ziemlich ratlos vor den Kapriolen ihres fidelen Vaters. Den alten Edek mit dem jugendlichen Temperament kennen wir schon aus früheren Büchern der Autorin. Jetzt will er mit seinen beiden polnischen Freundinnen Zofia und Walentyna ein Restaurant aufmachen. Zofia kann nämlich kochen, vor allem Klopse, so gut wie nicht von dieser Erde. Und ehe die besorgte Ruth die kostspieligen Warnungen bedeutender Marketingstrategen über Konzept und location verdaut hat, hat das fidele Seniorentrio längst einen Laden gemietet, renoviert und mit Gebrauchtmöbeln eingerichtet.

Ruths Vater legt nicht nur Tempo vor, er sieht siegesgewiss dem Erfolg des Geschäfts entgegen. „Klops braucht der Mensch“ heißt das Lokal, denn seine polnische Geliebte kann vor allem Klopse in allen Geschmacksrichtungen fertigen, Klopse vegetarisch, Klopse polnisch, jüdisch, scharf oder süß sauer- Klopse für alle Tageszeiten und Gelegenheiten. Mit der selben Leidenschaft, mit der die 69 jährige Klopse dreht, liebt sie auch Ruths Vater und schwärmt der Tochter vom wunderbaren Sex mit ihm vor. Der bleibt die Vorstellung zunächst wie ein zu dick geratener Klops im Halse stecken.

Wer mit so viel Chuzpe ans Werk geht wie Edek und seine Begleiterinnen, dazu überall die richtigen polnischen oder jüdischen Freunde findet, die sich von der Begeisterung anstecken lassen, der kann mit seinen Klopsen nur einen gelungenen Coup landen. Sowieso, wie Edek zu sagen pflegt.

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Sowieso kommt Steven Spielberg ebenso vorbei wie Pavarotti, kaum haben die drei eröffnet, sowieso genießt halb New York die Klopse für alle Lebenslagen und Ruth verprellt manche ihrer Kunden, weil auch sie ihnen keinen Tisch im gefragten Lokal ihres Vaters garantieren kann.

Die Chuzpe des Vaters wirkt offensichtlich auch belebend auf Ruth, die geradezu zwanghaft und stets im falschen Moment vom Antisemitismus der Polen, vom Holocaust und den Ermoderten zu sprechen anfängt. Wenn Ruth sich keine Sorgen macht, stimmt etwas nicht. "Sie musste einen Juden finden, mit dem sie sprechen konnte. Juden wussten immer, dass nie etwas gut wurde. Für einen Juden war nie irgend etwas gut. Andernfalls wäre die Person kein Jude. Juden waren genetisch dazu programmiert, herauszufinden, was nicht in Ordnung war. Das Sandwich war nicht, wie es sein sollte. Die Suppe war zuwenig gesalzen. Die Portion war kleiner als sonst. Das Wetter war zu warm oder zu kalt oder feucht oder zu trocken . . ."

Mit viel Sprachwitz, mit liebevollen Beobachtungen und der profunden Kenntnis über New York mit seinen Neurosen und Ängsten erzählt Lily Brett hier lakonisch und spritzig die Geschichte von Vater und Tochter, von Irrungen und Wirrungen, von verklemmter Moral und vielfältigen Neurosen, die das Alltagsleben in New York so unverwechselbar bunt und vielseitig machen.

Wie auch in anderen Büchern Lily Bretts finden sich immer wieder autobiografische Anklänge, begegnen uns bereits aus anderen Büchern bekannte Typen. Die Autorin wurde 1946 im jüdischen Displaced Persons Camp im bayrischen Feldafing geboren. Ihre Eltern hatten im Ghetto von Lodz geheiratet. In Auschwitz riss man sie auseinander und ermordete alle Verwandten. Erst Monate nach der Befreiung des KZs fanden sie einander wieder. 1948 wanderte die junge Familie nach Australien aus, und es sollte ein halbes Jahrhundert dauern, bis der Vater mit seiner Tochter in seine alte Heimat Polen reisen würde.

In kleinen Episoden kommt Lily Brett immer wieder auf diese Geschichte zurück. Bei einer dieser Polenreisen hat Edek ja auch seine Zofia gefunden. Ruths Freundin ist bei den Rückblicken in die Geschichte der Verfolgung gleich mit kritischen Bemerkungen zur Stelle, ruft Ruth zur Ordnung, wenn diese wieder einmal erklärt, sie könne kein gegrilltes Fleisch essen. "Deine Eltern waren in Auschwitz, na und?" wäscht ihr ihre Freundin den Kopf. "Meine Mutter war in Theresienstadt, und ich kann gebackenes Hirn essen, geschmorte Nieren, gehackte Leber und alle möglichen Beine, Köpfe, Hälse und Füße. Du kannst nicht so auf den Holocaust fixiert bleiben." Es macht den wunderbaren Humor und den Geist der Autorin aus, dass sie mit diesen Fakten nicht schwergewichtig und bedrückend umgeht. Sie bietet auf 350 Seiten jüdischen Witz und Woody Allens komische Neurosen in hoher literarischer Qualität. Zum guten Schluss gibt es dann sogar noch die Rezepte für die Huhn- Rosinen Klopse, die würzigen Truthahn-Kokos Klopse und die Rindfleisch- Kielbasa-Klopse, denn beim Schmökern läuft einem durchaus auch das Wasser im Mund zusammen.

 


Lily Brett
Chuzpe
Originaltitel: You gotta have balls
Übersetzt von Melanie Walz
Gebunden, 331 Seiten
Suhrkamp Verlag, 2006
ISBN 35184182708
Preis: 19,80 Euro

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Letztes Update: 15-01-2007 09:15

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Chuzpe, New York, jüdischer Witz, Klopse
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