Die "Emblemata" sind zum ersten Mal 1967 erschienen und die aktuelle Ausgabe unterscheidet sich vom nunmehr 40 Jahre alten Original lediglich im etwas kleiner gehaltenen Format. Wie schon die Erstausgabe umfasst das "Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts" eine Auswahl von über 4000 Emblemen, die 47 verschiedenen europäischen Emblembüchern beider Jahrhunderte entnommen sind.
Begriffsgeschichte
Das Emblem in der Form des allegorischen Sinnbildes erfreute sich im Europa der Renaissance und des Barockzeitalters außerordentlicher Beliebtheit, was in hohem Maße auf seine Bildhaftigkeit zurückzuführen ist. Technisch gesehen besteht das Emblem aber nicht nur aus dem sogenannten "Sinnbild" (der ‚pictura’, meist ein Holzschnitt oder Kupferstich), sondern sowohl die ‚inscriptio’ über dem Sinnbild als auch die ‚subscriptio’ darunter gehören notwendig zur dreiteiligen Grundform des Emblems. Die ‚inscriptio’ als Bildüberschrift enthält meist ein Motto, ein Lemma oder auch eine Sentenz und dient zur Bezeichnung der Abbildung. Die ‚subscriptio’ unter der Abbildung soll diese – häufig als Ableitung einer allgemeinen Lebensregel – erklären helfen. Als die Embleme in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aufkamen, hatte die ‚subscriptio’ noch die in die Antike zurückreichende, strenge Form des Epigramms, später und mit zunehmender Beliebtheit der Kunstform löste die freiere Prosa das Epigramm als vorherrschende Darstellungsform ab. Das Sinnbild steht als wichtigster Bestandteil im Zentrum des Emblems; da seine Bedeutung dem Dargestellten nicht selbst entnommen werden kann (dann wäre es Symbol und nicht Allegorie) müssen ‚inscriptio’ und ‚subscriptio’ diese Bedeutungsleistung übernehmen. Bedeutung generiert ein Emblem im Modus einer Doppelfunktion: Darstellen und Deuten, Abbilden und Auslegen. Zeigt etwa ein Holzschnitt eine welke Rose, so bedeutet das Bild an sich noch nichts – außer einer welken Rose. Die ‚inscriptio’ "Vergänglichkeit" schafft zusammen mit der ‚subscriptio’, die als Mahnung an der Leser verfasst ist, nicht irdische und vergängliche Güter anzustreben, erst die eigentliche Bedeutung des Sinnbildes.
Anzeige Die Bedeutsamkeit der Emblematik zeigt sich schon darin, dass die Embleme den Büchern nicht einfach als Beigabe oder Ausschmückung dienten, sondern als Sammlungen in Form von Emblembüchern gedruckt und verkauft wurden. Die Gesamtauflagenzahl der Emblembücher ging dabei Schätzungen zu Folge bis zu ihrem allmählichen Versiegen im 18. Jahrhundert in die Millionen. Embleme wurden also für einen Markt produziert und so verwundert es auch nicht weiter, dass viele Emblematiker ihre kreative Energie darauf beschränkten, die Grundelemente ‚pictura’, ‚inscriptio’ und ‚subscriptio’ einfach verschiedenen, nicht selten ausländischen Emblembüchern zu entnehmen um sie neu zu kombinieren, anstatt mühsam eigene Embleme zu entwerfen.
Das Handbuch
Diesem Umstand haben die Herausgeber der "Emblemata" Rechnung getragen, indem sie am Ende des Handbuches ein umfangreiches Register zur Quellensuche der ‚pictura’, ‚inscriptio’ und ‚subscriptio’ anlegten. Der eigentlichen Emblemsammlung vorangestellt ist außerdem eine 20-seitige Vorbemerkung der Herausgeber Arthur Henkel und Albrecht Schöne, die einen kurzen, aber sehr fundierten Abriss der Geschichte des Emblems beinhaltet. Dem nachfolgenden, kurzen Vorwort zur vorliegenden Sonderausgabe schließt sich ein knapp 90 Seiten umfassender, kritischer Apparat an: eine Beschreibung der benutzen Emblembücher und Stellenverzeichnisse, ein Abkürzungsverzeichnis sowie ein Errataverzeichnis. Die rund 1000 Seiten umfassende Emblemsammlung macht im Handbuch natürlich den Hauptteil aus. Mehr als 4000 Embleme sind auf 2000 Doppelspalten abgebildet, und zwar unverändert in ihrer Form und Darstellung in den alten Emblembüchern. Die Herausgeber haben den Emblemen jeweils rechts bzw. links eine (deutsche) Bedeutungserklärung beigefügt, da die ‚inscriptio’, v.a. wenn es sich um fremdsprachige Embleme handelt, für den Benutzer nur bedingt Auskunftswert haben.
Überhaupt schließt sich allen fremdsprachigen ‚subscriptio’ eine deutsche Übersetzung an, wobei man behutsam versucht hat, den oft mittelalterlichen Sprachgehalt der deutschen Gegenwartssprache anzupassen. Erfreulich ist auch, dass Fremdwörter oder Eigennamen in den Emblemen anhand von Fußnoten erläutert werden. Das Handbuch ist in acht verschiedene Motivbereiche unterteilt, die ihrerseits wiederum in Subkategorien unterteilt sind: I. Makrokosmos, II. Die vier Elemente, III. Pflanzenwelt, IV. Tierwelt, V. Menschenwelt, VI. Personifikationen, VII. Mythologie, VIII. Biblisches. Nicht zuletzt weil die Herausgeber Benutzerfreundlichkeit mit wissenschaftlichem Anspruch zu verbinden gewusst haben, konnten die "Emblemata" den Ruf eines Standardwerkes unter den Handbüchern zur Sinnbildkunst erlangen.
Der einzige Kritikpunkt ist drucktechnischer Art und springt beim Aufschlagen des Handbuches leider sofort ins Auge: da die Seiten des Handbuches im Emblemteil in Doppelspalten unterteilt wurden, musste man die Sinnbilder der Spaltenbreite anpassen, was bei einem sehr detailreichen Kupferstich fast eine Lupe erfordert, um alle Einzelheiten zu erkennen. Bei Papier und Bindung wurde erfreulicherweise – trotzdem es sich um eine sehr günstige Sonderausgabe handelt – nicht gespart; die robuste Fadenbindung und das sehr schwere, beschichtete Papier garantieren den "Emblemata" ein langes Leben in jedem Bücherschrank.
Fazit: Das Metzler Emblemhandbuch ist ein außerordentlich fundiertes und umfangreiches Nachschlagewerk, das trotz eines geringen Preises von gerade mal 25 Euro alle Qualitätsmerkmale eines Metzler-Lexikons auf sich vereint. Unbedingt empfehlenswert!
Arthur Henkel u. Albrecht Schöne (Hrsg.) Emblemata Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts
Metzler
gebunden, 1169 Seiten
ISBN 10: 3476015025
Preis: 24,95 Euro