Was haben wir sie in unserer Kindheit geliebt, die Bären-Geschichten. Winnie Pu aus dem Hundertmorgenwald zum Beispiel. Oder Paddington. Und irgendwann haben wir sie dann vergessen, zurückgelassen auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Was aber ist aus den Bären geworden? Clifford Chase geht dieser Frage nach – und schreibt den wahrscheinlich ersten Teddybären-Roman für Erwachsene.
Die erste Hälfte seines Lebens führt der Bär Winkie ein ganz gewöhnliches Teddybären-Dasein. Er wird Cliff von seiner Mutter Ruth weitervererbt, bekommt immer wieder neue Namen, heißt Marie, später Winkie. Doch irgendwann gerät er in Vergessenheit und sitzt nur noch unbeachtet auf einem Regalbrett, er ist ein wenig zerschlissen in all der Zeit, und außerdem klemmt eines seiner Klappaugen – kein schönes Dasein. Doch Winkie hat eine fixe Idee: wenn er sich nur stark genug konzentriert, kann er sich aus eigener Kraft bewegen und sein Leben selbst in die Hand nehmen.
Eines Nachts ist es dann so weit: Der Bär erhebt sich von dem Regal, schüttelt sich den Staub der vergangenen tristen Jahre aus dem Fell und springt durch das Fenster in die große weite Welt. Und damit beginnt die zweite Hälfte von Winkies Leben: sein Leben als Teddybär in der freien Wildbahn. In der Stadt erschrecken sich hin und wieder Menschen vor dem kleinen Bären, aber im Wald findet er Zuflucht und Nahrung. Und als er schließlich noch ein Kind zur Welt bringt, ist sein Glück perfekt.
Doch nicht von Dauer: er lässt sein Baby nur für einen Moment aus den Augen, da wird es von einem verrückten Bombenbauer entführt. Und als Winkie, Jahre später, schließlich in das Haus des Bombenbauers eindringt, den inzwischen verstorbenen Besitzer im Wald vergräbt und selbst das Haus bezieht, kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung: das FBI kommt zu dem Schluss, dass es sich bei dem Bären um niemand anderen als den Bombenbauer handeln kann. Und so wird Winkie der erste des Terrors verdächtige Teddybär in der Geschichte der USA.
Auch wenn der Terrorprozess, in den sich der Teddybär alsbald verstrickt sieht, absurd und unfair dargestellt wird, unterliegt Chase nicht der Versuchung, das Ganze zu allzu vordergründiger Bush-Kritik zu nutzen, vielmehr beschreibt er den Prozess einfach mit den staunenden Augen eines (wie seine nahen Verwandten Pu und Paddington) mit kindlicher Logik denkenden Bären und entlarvt so dessen Absurdität – ein gelungener Kunstgriff, und zugleich eine sehr treffende Beschreibung unserer eigenen Wahrnehmung: wie oft empfinden wir selbst die Dinge, von denen wir in den Nachrichten hören, einfach nur als absurd und unbegreiflich! Immer wieder zum Lachen gebracht und mit dem armen Winkie mitleidend, möchte man als Leser ausrufen: „Teddybären statt Terrorkrieg!“
Diese Geschichte klingt vollkommen überdreht, aber der Autor wahrt stets selbst einen gebührenden augenzwinkernden Abstand. Mit vielen Rück- und Vorblenden verschmilzt die Figur des Teddybären mit der des fleischgewordenen Winkie, der reglose Teddybär aus Erwachsenensicht mit dem eigensinnigen, lebenden Bären, den Kinderaugen darin sehen. So findet endlich das, was mit Pu und Paddington seinen Anfang nahm, seine Fortsetzung in der Welt der Erwachsenen, und wird zu einem eigensinnigen und einzigartigen Roman.