Bella Bathursts Roman Feindinnen wird als Psychothriller angekündigt, doch Vorsicht – wer in Feindinnen deshalb einen spannenden Kriminalroman erwartet, wird enttäuscht sein. Denn auch, wenn Thriller zumeist Kriminalromane sind, so bedeutet Thriller doch nur „schauriger oder reißerischer Roman“. Und schaurig, das ist Feindinnen: Ein Roman, der bis ins kleinste Detail in die Abgründe menschlicher Seelen eintaucht und die Erinnerung daran weckt, warum man nie mehr zurück in die Pubertät möchte.
Die Prüfungen sind alle beendet, aber bis das Schulhalbjahr vorbei ist, dauert es noch einige Wochen. Deshalb wird eine Gruppe dreizehnjähriger Schülerinnen unter dem Vorwand aufs Land geschickt, dass sie sich dort von den anstrengenden Prüfungen erholen sollen. Doch statt erholsamer Ferien erwartet die Mädchen ein Sommer voll von Intrigen, Angst und Hass.
Es könnten schöne, sorglose Ferien werden. Aber schon bald wird dem Leser klar, dass diese Ferien nicht nur wegen der familiären Probleme der Mädchen, sondern auch wegen der Spannungen untereinander eine seelische Tortur werden müssen. Denn nicht Freundschaft verbindet die Schülerinnen, sondern der Wunsch, durch die Fehler der anderen besser dazustehen.
Nicht alle halten dem „sozialen Druck“ stand, der innerhalb der Gruppe pubertierender Internatsschülerinnen herrscht. Ein kleiner Fehler schon kann alles zerstören, jederzeit könnte man nicht mehr gut genug sein, aus der Clique verbannt werden und in Vergessenheit geraten. Eine Reintegration in die Gruppe kann Monate dauern, falls es überhaupt gelingt, wieder Anschluss zu finden. So hüten die Mädchen sorgsam ihre kleinen und großen Geheimnisse voreinander und drohen daran zu zerbrechen.
Anzeige Hen versteckt familiäre Probleme vor ihren Freundinnen und flüchtet lieber in gefährliche Krankheiten als sich vor den anderen eine Blöße zu geben. Zu groß ist die Angst, offen Schwäche zu zeigen und damit den anderen Angriffspunkte zu offenbaren. Jules, die sich zur Durchschnittlichkeit verdammt fühlt, tut alles, um etwas vom Glanz der schönen Caz aufzufangen, entwickelt dabei aber nur immer mehr Selbsthass. Während Jules von Neid und dem Gefühl der Unvollkommenheit zerfressen wird, bestreitet Izzy einen hoffnungslosen Kampf – Asthma, juckende Ekzeme und Übergewicht verwehren ihr das, was die Mädchen für Freundschaft halten. Und Ali, die als einzige die sinnlosen Rivalitäten und die daraus resultierenden Machenschaften durchschaut, zieht sich lieber in ihre eigene Welt zurück.
Auf der einen Seite stehen die jugendlichen Verlierer im Kampf um Macht, Dazugehörigkeitsgefühl und Freundschaft. Auf der anderen Seite steht Caz, deren äußere Schönheit letztendlich aber nicht über ihre innere Kälte und Grausamkeit hinwegtäuschen kann.
Doch nicht nur die Jugendlichen fechten einen Kampf aus, den niemand gewinnen kann. Auch die Lehrerinnen geraten immer tiefer in den Sog der jugendlichen Machenschaften. Wie ihre Schülerinnen werden sie von der Angst vor der vernichtenden Kraft dreizehnjähriger Mädchen geleitet. Schon bald entpuppt sich die vermeintliche Autorität erwachsener Frauen als reiner Abwehrmechanismus, um sich die Angst vor der jugendlichen Stärke nicht eingestehen zu müssen und mit allen Mitteln die Oberhand zu behalten.
Fazit: Eindrucksvoll kreiert Bella Bathurst in ihrem RomanFeindinnen ein Szenario, das die Selbstzweifel und den Selbsthass einsamer, pubertierender Mädchen erschreckend realistisch wiedergibt, denen von den Erwachsenen statt Unterstützung nur Unverständnis entgegengebracht wird.