Vom Baseballstar zum Drogenabhängigen – Ron Williamsons Fall ist tief und unaufhaltsam. Als die Polizei einen Mordverdächtigen sucht, scheint Ron der richtige Kandidat. Obwohl er unschuldig ist, landet er in der Todeszelle, doch in letzter Sekunde wird die löchrige Anklage noch einmal aufgerollt.
Ron Williamsons Leben ist ein einziger Leidensweg. Als Jugendlicher wurde er als viel versprechender Baseballstar gehandelt, doch so recht klappt es nicht mit dem Durchbruch. Mehr und mehr gerät Ron in den Bann von Drogen und Alkohol, immer wieder kommt es zu Verhaftungen und Hilfe durch die beiden Schwestern Annette und Renee. Doch auch deren treue Fürsorge kann nicht verhindern, dass mit dem körperlichen auch Rons geistiger Verfall immer weiter fortschreitet.
Als die junge Debbie Carter ermordet wird, gerät Ron aufgrund einer Zeugenaussage unter Verdacht. Die Polizisten der Kleinstadt Ada sind bald vollkommen überzeugt, in Ron den Täter gefunden zu haben. Obwohl Ron seine Unschuld beteuert, kommt es zu einem Indizienprozess gegen ihn und seinen Freund Dennis Fritz. Verfahrensfehler und inkompetente Anwälte machen das Unmögliche möglich: Ron wird zum Tode verurteilt. Erst elf Jahre später wird jemand auf seinen Fall aufmerksam.
Anzeige John Grishams halbdokumentarische Darstellung eines realen Fehlurteils folgt großen Vorbildern wie Truman Capotes bahnbrechendem Roman Kaltblütig, der zwischen Fiktion und Realität schwankend einen Mord und seine Folgen beschreibt. Durch sorgfältige Recherche werden die Gefühle und Gedanken aufgefüllt, die der Schriftsteller den kalten Fakten hinzufügt. Der Gefangene ist allerdings insofern anders, als er nicht die Tat zum Mittelpunkt nimmt sondern die Konsequenzen für die Betroffenen, allen voran den unschuldig Angeklagten.
Grisham, der sich bislang als Romanautor einen Platz in den Bestsellerlisten erkämpft hat, wagt sich mit "Der Gefangene" auf neues Terrain, allerdings auf eines, das seinem eher trockenen Stil entgegenkommt. Der Autor, der zwar für seine spannenden Plots, weniger aber für seine begnadete Schriftstellerei bekannt geworden ist, führt den Leser klar und verständlich durch die Irrwege des amerikanischen Justizsystems.
Dabei lässt Grisham nicht den leisesten Zweifel an seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Todesstrafe. Es gibt Passagen, in dem er von seiner selbst gewählten Distanz abweicht und sich regelrecht in Rage redet. Insbesondere wenn es um die Polizei und die Ermittlungsmethoden in Ada geht, macht er aus seinem Unglauben und seiner Verachtung keinen Hehl. Vielleicht wäre hier ein wenig mehr Ausgewogenheit in der Darstellung angemessen gewesen, doch auch wenn der Leser bisweilen versucht, den Fall mit den Augen der Polizei zu betrachten, gerade weil Grisham es so kategorisch ablehnt, so wirkt die Darstellung insgesamt doch so mitreißend, dass der Leser dem Fall Williamson bis zum bitteren Ende mit Spannung folgt.
Fazit: Nicht nur für Grisham-Fans absolut empfehlenswert