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Unentschlossen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heiko Paulheim, am 21-02-2007 15:00
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Benjamin Kunkel: UnentschlossenAuf Entscheidungsfindung in Ecuador

Die Wilmerdings sind eine ganz normal verrückte Familie aus einer Mutter mit obskuren religiösen Anwandlungen und einem Vater, dem sein eigener Sohn einen "schwachen Low-Level-Autismus" diagnostiziert, beide getrennt lebend, der bisexuellen Tochter Alice und dem 28jährigen Sohn Dwight, der immer noch in einer WG haust und sein Leben einfach nicht auf Reihe bekommt. Dwight arbeitet als Supporter beim Pharma-Konzern Pfizer, bis er dort seinen Job durch einen dummen Zufall verliert.

Dwights Liebesleben verläuft in ähnlich ungeordneten Bahnen.Er führt mit Vaneetha diese Art Beziehung, bei der es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis einer von beiden die Frage "Sind wir jetzt eigentlich richtig zusammen?" stellen wird. Dwight ist sich sicher: wenn, dann wird Vaneetha diese Frage stellen. Und gleichzeitig hat er Angst vor dieser Frage, denn Dwight hat ein Problem: er kann sich einfach nicht entscheiden, und zwar nicht nur zwischen Beziehung oder nicht, sondern ganz allgemein.

Gerade, als er beginnt, sich darüber Sorgen zu machen, kommt die Beruhigung von seinem Mitbewohner Dan, und sie hat nur drei Silben: "Abulie". Dwight hat kein Problem, er ist ganz einfach nur krank. Und das gute daran: es wird gerade ein Heilmittel erprobt, und Dan konnte eine Probe des Medikaments Abulinix aus dem Labor organisieren. Dwight schluckt eine Tablette und wartet darauf, dass sein Leben einfacher wird. Und weil er gerade eine E-Mail von seiner ehemaligen Mitschülerin Natasha bekommen hat, die nach Südamerika ausgewandert ist, und weil er sowieso gerade seinen Job verloren und folglich nichts besseres zu tun hat, schreibt er ein paar Zeilen des Abschieds an Vaneetha und bucht er kurzerhand einen Flug nach Quito in Ecuador.

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In Südamerika angekommen, wird er von Brigid, einer Freundin von Natasha, empfangen.Natasha selbst macht sich sehr bald aus dem Staub und lässt die beiden allein, und Dwight, immer noch unter dem Einfluss des Medikaments, kann sich spontan für eine Rundreise durch das Land mit Brigid erwärmen. Trotz anfänglicher Hindernisse, und obwohl sich Brigid, wie Dwight sehr schnell feststellt, die Achselhaare nicht rasiert, kommen sich die beiden bald näher. Doch das Leben in den USA wartet auf Dwight und wird ihn früher oder später einholen.

Ein Roman über die Vielzahl von Möglichkeiten, der sich junge Menschen in der heutigen Zeit gegenübersehen, über die Unfähigkeit zur Entscheidung aus Angst vor einer falschen Wahl, über die Freiheit des menschlichen Willens – all das ist "Unentschlossen" nicht. Schade eigentlich. Denn die Ausgangsidee ist wirklich faszinierend, aber leider nutzt Kunkel das ihr innewohnende Potential nicht aus. Obwohl mit Vor- und Rückblenden und eingestreuten E-Mailwechseln gekonnt inszeniert und sprachlich durchaus gewandt und witzig, lässt der Roman seine Ausgangsinspiration etwa auf der Hälfte zurück.

Was dabei herauskommt, bleibt hinter den auf dem Buchumschlag abgedruckten Kritikermeinungen weit zurück."Unentschlossen" ist kein "intellektueller Roman", wie die Village Voice verlauten lässt, und die Geschichte haut auch nicht um, wie die New York Times schreibt. Vielmehr macht sich etwa ab der Hälfte des Buches schlicht Langeweile breit. Was dann nämlich folgt, ist ein ermüdender Aufguss des uralten Sie-sind-verschieden-aber-am-Ende-bekommen-sie-sich-dann-doch-Motivs, und beim Lesen stellt man sich schon eine Kinoversion vor, zum Beispiel mit Ben Stiller als Dwight und Cameron Diaz als Brigid (Kate Winslet könnte vielleicht die flippige Alice spielen, mit einer Punk-Frisur wie in "Vergiss mein nicht", das wäre dann ein Grund, eventuell doch noch in den Film zu gehen), eine amerikanische Filmkomödie nach bewährtem Rezept, die niemandem wehtut, aber auch niemanden vom Hocker reißt. Manchmal meint man, beim Umblättern schon den Geschmack von Popcorn zu auf der Zunge zu spüren. Selbst Dans Enthüllung über Dwights Abulinix-Konsum kommt da nicht mehr überraschend, sondern wirkt nach gängigem Hollywood-Drehbuchschema inszeniert.

Man spürt aber auch, dass Kunkel durchaus das Talent für mehr hätte– die geschickte Verwebung von Vor- und Rückblenden, der bisweilen sarkastische Unterton zwischen den Zeilen, das alles lässt größeres Potential erahnen. Vielleicht konnte er sich einfach nicht entscheiden, ob er als Debütroman eine intelligente Gesellschaftssatire oder die Vorlage für großes Hollywood-Kino schreiben sollte. Wenn dem so ist, sollte er vor dem nächsten Buch einfach ein paar Kapseln Abulinix schlucken. Dann wird sein zweites Buch bestimmt ein großer Roman!

 

Bibliographische Angaben



Benjamin Kunkel

Unentschlossen

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Röder
316 Seiten, Bloomsbury Berlin
ISBN 3-8270-0680-5

Über den Autor


Infos zum Autor hier.

 




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Letztes Update: 21-02-2007 16:28

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Benjamin, Kunkel, Unentschlossen, Roman, Entwicklungsroman, Coming of Age, Achtundzwanzig, Dreißig, Entscheidung, 382700680
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