Es kommt ja vor, dass man mit der festen Absicht in den Buchladen geht, endlich das nachhaltig empfohlene Fachbuch zum Klimawandel zu kaufen. Doch dann greift man nach einem Roman, weil der Autor seit Jahren einen Namen hat und dank und einer stattlichen Liste von Veröffentlichungen über jeden Zweifel erhaben scheint. Missgriff ausgeschlossen, glaubt man, lässt zu Hause Abwasch oder Bügelarbeiten links liegen, ebenso das Fachbuch und richtet sich in der Sofaecke gemütlich zum Lesen ein, bereit, für Stunden in eine andere Welt abzutauchen.
Doch irgend etwas hakt und klemmt gleich auf den ersten Seiten. Die Sprache stolpert wie im Schulaufsatz daher, die Geschichte springt vom Heute ins Damals und wieder ins Heute und alles hat einen merkwürdig lehrerhaften Ton, altmodisch detailüberladen und dämpft die Leselust. Wie gewonnen, so zerronnen.
So geschehen bei Horst Bosetzkys neuem Buch "Die schönsten Jahre zwischen Wedding und Neukölln".
Anzeige Natürlich, der Autor versteht sich aufs Erzählen. Viele Geschichten, die Berliner Luft atmen und die Nachkriegsjahre lebendig werden lassen, zeugen davon. Der Berliner Soziologieprofessor ist außerdem ein bekannter Krimiautor, dem mancher Coup gelang, schon damals, als er mit seinem ominösen Kürzel –ky ein werbewirksames Versteckspiel betrieb. -ky wurde damals geradezu zum Inbegriff des "Sozio-Krimis”, in dem Morde mit eindeutig belehrendem Impetus aufklärt werden. Bei ihm ist es das System, das die Menschen krank macht, sie sind nicht per se schlecht und seine Krimis beleuchten neben den sozialen und politischen Zuständen vor allem die aus den gesellschaftlichen Zwängen folgenden psychischen Verletzungen der Menschen. Das war in der Zeit nach den wilden 68er Jahren, die Phase des Umbruchs in der Gesellschaft, als Demokratie und Gerechtigkeit zu Schlüsselworten wurden.
Neben Krimis, von denen einige verfilmt wurden, schreib Bosetzky Romane über die Nachkriegszeit, wie etwa "Brennholz für Kartoffelschalen” oder "Quetschkartoffeln und Karriere” Die spielen in Berlin, wo der Autor 1938 geboren ist, sie spiegeln Milieu und die vielzitierte Berliner Schnauze. Das versucht auch das jüngste Buch " Die schönsten Jahre", aber es liest sich merkwürdig holprig und stotternd. Die Protagonisten unterhalten sich in gestelzten Dialogen, überall werden Fakten und Details hereingepresst, die keine Atmosphäre schaffen, sondern nach Pedanterie riechen. Da sausen Hütchen durch die Luft, fauchen Düsenmotoren, die Zeit vergeht im Sauseschritt und der Taxifahrer kommt aus einer Ethnie, die in Berlin die Mehrzahl der Türsteher stellte. Kein Wunder, dass Gerda da lieber in der Illustrierten ihres Lesezirkels blättert und sich über ihr neues Kostüm erst freuen kann, wenn die besten Freunde ihr Urteil gesprochen haben.
Bei solchen Sätzen auf fast 400 Seiten aber kommt keine Freude auf, selbst wenn der Plot versucht, ganz interessant zu wirken.
Im Mittelpunkt steht Paco, der in Madrid lebt und beim Tod seiner Eltern verwundert feststellt, dass seine Mutter keine Spanierin war, sondern aus Berlin stammte. Materiell gesichert durch eine kleine Erbschaft, macht er sich auf den Weg nach Berlin, um die Spuren seiner Großeltern aufzunehmen. Er trifft Gerda und Herbert, die im Berlin der 50er Jahre ein relativ unbeschwertes Leben führen. Kaum einer weiß, dass Gerda in der Nazizeit ihre neugeborene Tochter nach Spanien gegeben hatte, um sie zu retten und unter der Trennung leidet.
Die handelnden Personen sind die Bosetzky- Lesern bereits bekannt, das macht sie keinen Deut interessanter und es hindert den Autor auch nicht, immer wieder Verwandtschaftsgrade und Verbindungen minutiös zu erwähnen. Da kommt Langweile auf.
Dazu gibt es jede Menge Berliner Lokalkolorit, das durchaus zutreffende Aspekte aus der Geschichte und Gegenwart der Stadt vermittelt. Doch was, um Himmels willen, macht man mit Sätzen wie diesen: "Das gutbürgerliche Deutsch- Wilmersdorf dachte Paco sich als Gegenstück zum Bezirk Neukölln, wo Multikulti angesagt war und es innerhalb der Ringbahn an mancher Stelle schon sehr nach Sozialamt roch und aussah, doch in der Blissestraße gab es auch nicht viel weniger leerstehende Geschäfte als in der Sonnenallee, und die Gegend zwischen Volkspark und S- Bahn schien langsam abzusacken". Von diesem Kaliber gibt es viele, gewisse sprachliche Schnitzer und unfreiwillig komische Formulierungen eingeschlossen.
Man hätte dem Autor etwas weniger Detailbesessenheit und einem Lektor ( gab es den überhaupt???) etwas mehr Mut beim Kürzen gewünscht, dann wäre aus diesem Text vielleicht eine lesenswerte Geschichte geworden. Doch so bleibt die Erkenntnis, dass das Fachbuch über den Klimawandel wahrscheinlich die bessere Wahl gewesen wäre. Immerhin kann man den restlichen Abend aber auch noch mit Abwasch oder Bügeln verbringen, der Unterhaltungswert ist der gleiche.