Zerbrochene Liebschaften Für Rudyard Kipling ist nicht jeder Offizier ein Gentleman
Indien boomt. Das Milliardenvolk hat sich von der einstigen Kolonialmacht England längst emanzipiert und steht im Ruf, die westliche Welt in den nächsten Jahrzehnten wirtschaftlich wie wissenschaftlich zu überrunden. Vor gut 100 Jahren, ja, da saßen die Briten noch fest im indischen Sattel. Die Sahibs diktierten die Regeln und bereicherten sich an den funkelnden Bodenschätzen.
Die Kolonialoffiziere eroberten aber auch die Herzen indischer und englischer Schönheiten. Mal mit Komplimenten, mal mit magischen Tricks. So hat es zumindest der englische Literaturnobelpreisträger Rudyard Kipling überliefert. Und zwar in drei seiner „Indischen Erzählungen“, die der Schauspieler Ulrich Noethen mit an Magie grenzendem Einfühlungsvermögen zu Gehör bringt.
Anzeige Drei Stimmlagen
Obwohl alle drei Geschichten um zerbrechende und zerbrochene Liebschaften kreisen, könnten sie von ihrer Stimmungslage nicht unterschiedlicher sein. Die poetisch-tragische Erzählung „Ohne kirchlichen Segen“ skizziert episodenhaft das Schicksal einer unmöglichen Liebe zwischen einem Offizier der britischen Krone und einer anmutigen Inderin. Diese Beziehung zerschellt aber nicht an den Standesschranken, sondern an eingebildeten vermeintlich übersinnlichen Kräften.
Aber negativer Zauber kann die Menschen auch kurzfristig glücklich machen, wie in Kiplings schlitzohriger Geschichte vom „Bisara von Porree“. Einem silbernen Schatzkästlein, in dem ein künstlicher Fisch ohne Augen seine letzte Ruhe gefunden hat. Wer es stiehlt, winkt die Liebe der Angebeteten. Wer es rechtens erwirbt, wird nach drei Jahren erkranken. So verlangt es der ihm innewohnende Zauber. Ein hässlicher Zwerg fordert das Schicksal heraus und gewinnt die Gunst seiner Traumfrau. Doch auch dieser Zauber hat einmal eine Ende. Vor allem wenn Eifersucht und Missgunst im Spiel sind.
Opfer charakterlicher Schwächen
Ein englischer Herzensbrecher treibt es in Kiplings Erzählung „Die Geisterrikscha“ aber noch bunter. Für seine Untreue und Gefühlskälte muss er mit dem Wahnsinn bezahlen. Die allen Geschichten anhaftende Magie schlägt hier ins Dämonische. Die Gefahr droht Kiplings Figuren aus dem Jenseits, ihre Bestrafung erhalten sie aber noch im Diesseits. In diesen klug ausgewählten Erzählungen werden die Frauen Opfer ihrer Liebhaber. Und die Liebhaber Opfer ihrer charakterlichen Schwächen. Wobei sich die sittlichen Versäumnisse von Titelheld zu Titelheld immer weiter steigern.
Insofern ist das Hörbuch nicht nur seiner medialen Gestalt wegen eine runde Sache. Es ist eine abwechslungsreiche Auswahl, die in sich sogar eine eigene Dramaturgie entwickelt. Und es gibt kaum einen besseren Sprecher, der all diese geheimnisvollen Tonarten von Kiplings Prosa mit seiner Stimme so perfekt übersetzen kann wie Ulrich Noethen. Der aus zahlreichen Filmrollen („Comedian Harmonist“ „Der Untergang“, Die Luftbrücke“) bekannte Schauspieler hat das Zeug zu einem zweiten Gert Westphal. So souverän lebendig bringt er die Geister und Geschöpfe Indiens zum Reden. Wenn er haucht „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde ...“, dann trifft das auf Kiplings und Noethes Kunst gleichermaßen zu. Und diese Harmonie grenzt schon an Magie.