Sei wie ein Fluss, der still die Nacht durchströmt,
die dunkle Nacht nicht fürchten.
Die Sterne widerspiegeln, wenn welche
am Himmel sind,
und wenn Wolken den Himmel bedecken,
Wolken, die Wasser sind wie der Fluss,
auch diese widerspiegeln, ohne Schmerz,
in den ruhigen Tiefen.( Manoel Bandeira)
Hand aufs Herz, bei so einem bedeutungsschwangeren Text greift man fast traumwandlerisch nach dem Diogenes Hörbuch von Paolo Coelho, das uns Orientierung und Erleuchtung in einer hektischen Welt suggeriert.
Der brasilianische Bestsellerautor Paolo Coelho versteht sich auf Kanzelreden und Tröstungen. Er beherrscht die Sprache der Sinnsuche und verbreitet alltagstaugliche Botschaften im Postkartenformat. Die kann man sich hinter den Spiegel stecken, oder hinters Ohr schreiben: “Sei wie ein Fluss, der still die Nacht durchströmt“.
Dem Unbehangen an der modernen Zivilisation mit ihren auch grausamen Auswüchsen begegnet der Autor mit bescheidenen Geschichten, kleinen Episoden und nacherzählten Legenden oder Fabeln. Wohl deshalb üben seine Reflexionen auf Millionen von Lesern einen geradezu magischen Zauber aus. Seine Texte atmen Spiritualität in verträglichen Dosen und prophezeien eine Gegenwelt zum stupiden Alltag.
Seit Paolo Coelho, von Kindheit an religiös geprägt, im Jahr 1986 auf dem Jakobsweg nach Santiago di Compostella pilgerte und darüber ein bis heute vielgefragtes Buch veröffentlichte, sind der Predigtton und die geradezu heilsgeschichtlichen Ratschläge unzertrennlich mit seinen Büchern verbunden. Coelho, der Drogenkonsum und Leben in der Psychiatrie aus eigener Erfahrung kennt, und sich stets für unterschiedlichste alternative Lebensmodelle interessierte, vertraut der anima mundi, der Weltenseele, die in allen Erscheinungen der Welt erfahren werden kann. Er glaubt fest an Zeichen, die ihm alltäglich widerfahren und er erzählt davon.
Anzeige Die Textauswahl aus dem gleichnamigen Erzählband, die in dem jetzt erschienenen Hörbuch enthalten ist, erfüllt durchaus die Erwartungen an spirituelle Botschaften. Es ist eine Erbauungsliteratur unserer Tage, die Gert Heidenreich betont sachlich und ohne falsches Pathos zu Gehör bringt. Als ersten lernen wir den heiligen Joseph kennen, der in der biblischen Geschichte nur eine Nebenrolle einnehmen kann und der sich, passend zur Weihnachtszeit, in Vertrauen und in Glauben übt.
Eine Großmutter erklärt ihrem Enkel am Beispiel eines Bleistifts, dass es zum Leben dazugehört, Spuren zu hinterlassen, Schmerzen zu ertragen und sich mit dem eigenen Inneren auseinanderzusetzen. Dann ist da die Geschichte vom Dschingis Khans und seinem Falken. Zweimal hat der Falke seinem Herrn den Becher mit dem kostbaren Wasser aus der Hand geschlagen, beim dritten Mal zieht Dschinghis Khan sein Schwert und tötet den Vogel. Dann entdeckt er, dass im Brunnen, aus dem er sein Trinkwasser schöpfen wollte, eine giftige Schlange lag, der Falke ihm also das Leben gerettet und dafür seines gegeben hatte. Da wird der Falke in Gold konserviert und mit Worten echter und edler Freundschaft geschmückt.
An das Unmögliche glauben, die Kunst des Rückzugs, allein auf dem Weg oder auch offen für die Liebe bleiben, sind nur einige der Titel, die schon deutlich machen, dass es hier in irgend einer Form immer um Gottesbeweise und Alltagsweisheiten geht.. Dabei hat der streng katholisch erzogene und geprägte Autor längst einen Religionsbegriff, in dem es alle Spielarten des Glaubens und Vertrauens gibt, weder der Katholizismus noch andere Glaubensrichtungen haben hier Exklusivrechte.
Das Hörbuch ist somit ein bunt gemischtes Mosaik, auf dem die Texte Schlag auf Schlag kommen. Da gibt es keine Stille zum Innehalten, zum Nachhören. 145 Minuten lang liest Gert Heidenreich eher unterkühlt als warm umhüllend und gönnt weder sich noch uns eine kleine Verschnaufpause. So bekommt das Hörbuch mit dem Duktus der pastoralen Ermahnungen die Wirkung einer zu lang geratenen Sonntagspredigt. Irgendwann lullt einen die gleichförmige Stimme ein und man entfleucht wie ein Fluss, der still die Nacht durchströmt, in ganz andere Gefilde.
Paulo Coelho
Sei wie ein Fluss, der still die Nacht durchströmt
Originaltitel: Ser commo un rio que fluye
Übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann
Vorgelesen von Gert Heidenreich
Ungekürzte Lesung
2CDs
Laufzeit: 145 Minuten
Diogenes Verlag
September 2006
Preis: 14,90 Euro