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Böse Realität in poetischen Tönen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heiko Paulheim, am 22-08-2002 08:15
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Hier bestellen!Mitte der neunziger Jahre war die Computerwelt noch heil. Ehrgeizige Pioniere, die Schlabberkleidung trugen und in luxuriösen Büros aßen und bisweilen auch schliefen, brüteten in langen Nächten neue Technologien aus. Das Realisation Lab in Seattle ist Teil dieser Welt, die die Malerin Adie Klarpol betritt, und sie sieht sie mit den staunenden Augen eines Kindes. Zeitgleich tritt ein anderer Pionier voller Ehrgeiz seine neue Aufgabe an: Martin Taimur hat einen Job als Englisch-Lehrer im Libanon angenommen, die er als große Herausforderung ansieht, aber auch als willkommenen Anlaß, sein altes Leben in den USA hinter sich zu lassen. Doch sein Engagement dauert nicht lang, nach nur wenigen Unterrichtsstunden kehrt er nicht von seiner Zigarettenpause zurück, wegen eines dummen Mißverständnisses gerät er als Geisel in die Hände von Extremisten.

Doch auch im Realisation Lab weicht die Idylle langsam dem Realismus. Nachrichten von Kriegen in aller Welt lassen die glitzernde Scheinwelt in neuem Licht erscheinen, ein alter Freund von Adie und ihrem Jugendfreund Steve, der ihr den Job im Realisation Lab verschafft hat, erkrankt an Multipler Sklerose, ein Arbeitskollege kämpft mit dem endgültigen Abrutschen in die völlige Gleichgültigkeit, und auch die persönlichen Differenzen in der Arbeitsgemeinschaft scheinen immer unüberbrückbarer. Während die Realität die Idealisten und Träumer einholt, scheint Martin Taimur die Realität weiter zu entgleiten – Schritt für Schritt kämpft er darum, in der Gefangenschaft seinen Verstand nicht zu verlieren, doch der Kampf scheint aussichtslos.

Eigenwillig scheint das Konzept der beiden parallelen Handlungen fast ohne inhaltliche Berührpunkte. Der Autor nutzt diese ungewöhnliche Vorgehensweise einerseits, um die Spannung von beiden Handlungssträngen zu akkumulieren, andererseits auch, um die eine Handlung als Kommentar der anderen zu verwenden und umgekehrt. Gedanken, die in einem Handlungsstrang begonnen werden, werden im anderen fortgeführt oder auch ad absurdum geführt. Nur am Ende gestattet sich der Autor ein Zusammentreffen der beiden Erzählstränge – Adie taucht in die virtuelle Realität ab, die der Wahnwelt des delirierenden Martin aufs Haar gleicht; die eine ein Produkt unglaublicher Hochleistungen des menschlichen Verstandes, die andere das Ergebnis von dessen Fehlfunktion.

Neben der ungewöhnlichen Erzählart sticht vor allem die unglaublich poetische Sprache ins Auge. Adie, die die Computerwelt mit den Augen der Malerin sieht, ihr Freund Steve, der Dichter, der Programmcode mit Lyrik gleichsetzt, Martin, dessen Bild der Wirklichkeit sich mit zunehmendem Aussetzen seines Verstandes immer mehr verzerrt – jeder hat seine Sprache, seine eigenen, kunstvollen Metaphern, offenbart seine eigene poetisch reflektierte Sicht auf die böse Realität.
Schattenflucht ist zugleich packender Thriller und nachdenkliche, poetische Literatur, eines der seltenen Bücher, das es schafft, den Leser spannend zu unterhalten und dennoch großen Tiefgang zu bewahren.

Redakteur:

Richard Powers
Schattenflucht
Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
540 Seiten, Verlag S. Fischer
ISBN 3-10-059020-1

Sie können das Buch bequem online bei unseren Buchhandelspartnern bestellen:

  • libri
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    Letztes Update: 22-08-2002 08:15

    Veröffentlicht in : Buch, Buch des Monats
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