Alles und nichts In "Woraus wir gemacht sind" schickt Thomas Hettche seinen Helden auf eine absurde Reise durch Amerika und zu sich selbst.
"Liz geht es gut. Du kannst beruhigt sein. Alles Weitere hängt allein von dir ab." Der Schreck durchfuhr Niklas Kalf. "Was meinen sie damit? Wer sind sie? Und wo ist Liz? Und was hängt von mir ab?
"Keine Polizei. Verhalte dich heute abend so, als wäre nichts geschehen. Dann findet sich alles."
Thomas Hettches Roman "Woraus wir gemacht sind", beginnt zunächst wie ein Krimi.
Niklas Kalf, Biograf aus Frankfurt, kommt zusammen mit seiner Frau Liz das erste Mal nach New York. Er soll auf einer Lesung sein neuestes Projekt, eine Biografie über den deutschen Emigranten und Physiker Eugen Meerkatz vorstellen, der 1952 bei einer geheimnisvollen Explosion ums Leben kam. Doch einige Tage nach seiner Ankunft, wacht Kalf morgens alleine in seinem Hotelzimmer auf, seine Frau liegt nicht mehr neben ihm. Während er Liz beim Brötchenholen wähnt, sieht er sich die Rede Präsident Bushs im Fernsehen an. Es ist ein Jahr nach den Terroranschlägen des 11. Septembers. Da klingelt das Telefon und eine unbekannte Frauenstimme ist am Apparat.
Anzeige Kalf hört auf seinen Verleger und schaltet nicht die Polizei ein. Er wartet ab, bis er schließlich erfährt, was die Entführer eigentlich von ihm wollen: Geheime Dokumente über Experimente, die Eugen Meerkatz nach seiner Emigration in Kalifornien gemacht haben soll. Kalf, der nichts von diesen Dokumenten weiß, fängt an, seine Unterlagen zu prüfen und stößt auf eine erste Spur. Diese führt ihn zunächst nach Marfa, einem kleinen Kaff irgendwo in Texas. Damit beginnt für Kalf eine verwirrende Reise durch das Amerika, kurz vor dem Irakkrieg, durch eine absurde Erpressung, vor allem aber an die Grenzen seines Selbst.
Thomas Hettche ist ein Stilist der besonderen Sorte. Nicht umsonst wurde er in den letzten Jahren mit Preisen für seine Werke geradezu überschüttet und gilt als eine der gewichtigsten Stimmen der deutschen Literaturszene. Und auch in seinem neuesten Roman überzeugt Hettche mit seinem immensen Sprachgefühl.
Grandios, wie er die Persönlichkeit Kalfs in dessen Handlungen und Gedanken einfängt. Kalf ist Biograf, kein Schriftsteller, wie er immer wieder betont. Einer, der in die Leben anderer schlüpft, sie sich zu eigen macht. Durch die Entführung seiner Frau wird er in sein eigenes Leben zurückgeworfen, wird zum Hauptdarsteller seiner eigenen Biografie und kann nichts anderes tun, als die Gelegenheit zu nutzen, vor sich selbst zu fliehen. Da sitzt er erst Wochen, dann Monate in einem texanischen Provinznest, immer wartend auf einen Impuls von außen, der die Handlung seines Lebens in Gang bringt, die selbstverschuldete Lähmung heilt, derer er sich nur zu gut bewusst ist und gegen die er doch nichts tut. Wie das Pferd, das in seinem engen Gatter in Marfa einsam seine Runden dreht. "Dann blieb der Hengst jedes Mal wie erstarrt stehen, als warte er nun auf das Ergebnis seines Kraftausbruchs. Und immer, wenn Niklas Kalf ihm dabei zusah und die Starre dieser Erwartung spürte, dachte er, jetzt werde irgendetwas geschehen. Aber nie geschah etwas."
Diese Sprachgewalt ist Hettches großer Trumpf, den er immer wieder ausspielt und der den Leser vorwärts treibt. Man will mehr davon. Mit einer souveränen Geschmeidigkeit webt Hettche dabei in die Apathie Kalfs Lebenszeichen aus der Wirklichkeit ein. Ob dieser nun im Internet Nachrichten liest, während er auf Botschaften der Entführer wartet oder Ansprachen Bushs im Fernsehen hört, während man im Hintergrund schon amerikanische Soldaten die Gewehre für ihren Einsatz im Irak laden hört.
Amerika. Ohnehin ein zentrales Motiv, in diesem an Bildern und Bezügen übersprudelnden Roman, der jedem Deutsch-Abiturienten schlaflose Nächte bereiten wird. Zurecht, denn mit seinen Amerikabildern überspannt Hettche den Bogen. Mal kommt Amerika als das neue Imperium Romanum, mal als Idylle mit grenzenloser Weite und mal als seine Leinwandhelden, in deren Gestalt sich der Teufel höchstpersönlich zeigt, daher. Hettche ist in seinem Buch die Liebe zu Amerika anzumerken, indem er es in wunderschöne, die Grenze zum Kitsch im Auge behaltende, Bilder gießt. Und dennoch, der Versuch, ein so differenziertes Land in einem 300-Seiten-Roman zu charakterisieren, kann sich nur in Momentaufnahmen und Stereotypen verlieren.
Aber der Roman krankt an einem wichtigeren Punkt – an seiner eigenen Glaubwürdigkeit. Hettches ganze Erzählkunst kann nicht davon ablenken, dass man ihm die Geschichte eines Mannes nicht abnimmt, der, so verwirrend all das für ihn auch sein mag, seine schwangere und von ihren Entführern gefolterte Frau einfach im Stich lässt. Mag sein, dass die Entführung Liz’ als eine willkommene Gelegenheit für Kalf erscheinen soll, sich durch das Warten über sich selbst klar zu werden oder seine Persönlichkeit abzubilden. Allein die banalsten Details lassen die Handlung nicht nur konfus, sondern einfach schlecht konstruiert wirken. Da ist die Szene, in der Kalf das erste Mal auf einen der Entführer trifft, eine Frau in einem Rollstuhl, die ihm am Ende seiner Lesung die Motive für die Entführung mitteilt. Jeder halbwegs begabte Mensch hätte sich die wehrlose Frau geschnappt und in die nächstbeste Polizeistelle gezerrt. Kalf hingegen lässt seine Kontrahentin nach einigen beleidigenden Worten einfach davon rollen. Diese Konstruktionsschwächen machen erst wütend und dann gleichgültig, denn Hettche zerstört das, was ihm durch seine Sprachkunst eigentlich so grandios hätte gelingen können. Der Leser will irgendwann gar nicht mehr wissen, wie die Geschichte endet. Wenn schon Kalf egal ist, was mit seiner Frau passiert, warum sollte es dann den Leser interessieren?
Und so bleibt von "Woraus wir gemacht sind" eine tiefe Zwiespältigkeit: Eine absurde Geschichte und die Gewissheit darüber, was Hettche alles kann. Ein Buch, in dem es auf den ersten Blick viel zu entdecken gibt, auf den zweiten Blick aber noch viel mehr. Aber warum sollte man es ein zweites Mal lesen? Wegen der tollen Sprache?